20.07.10

episode 26

fenster zumachen? sybille prüfte kritisch den himmel und hielt probehalber den arm ins freie. so ungefähr lauwarm. kalt auf keinen fall. obwohl es von drinnen so aussah. der august huschte als herbst verkleidet durch die stadt, riss gelegentlich die wolken auseinander, schob sie wieder zusammen und drückte den hofbaum hin und her. die im laufe des sommers hervor geschossenen zweige kratzten beharrlich an der hauswand. einer war praktischerweise so gewachsen, dass er exakt ihr badezimmerfenster verdeckte. sie konnte also zum baden nicht nur das rollo oben sondern auch das fenster offen lassen. das wäre sonst nicht gegangen, der typ von gegenüber führte ihr täglich sehr deutlich vor, was man alles so herzeigte, wenn man nackt durch die wohnung turnte. jeden morgen riss er unbekümmert die vorhänge auf, gähnte, kratzte sich den rücken, hüpfte zum duschen ins bad. nach dem duschen ab in die küche, wahrscheinlich kaffee aufsetzen, dann wieder zurück ins bad zum zähneputzen und rasieren. alles nackt. erst danach zog er sich nach und nach an. gott sei dank begann er mit der unterhose. er musste wissen, dass man ihn sehen konnte, er konnte sie doch auch sehen. oder schaute er gar nicht so bewusst nach gegenüber? die ganze zeit nicht einmal ein handtuch um die hüften, aber mit geschlossenem duschvorhang duschen. warum? den fussboden tropfte er doch später eh voll, denn er trocknete sich nicht ab. das wusste sie, sie sah ihn doch die ganze zeit. sie konnte einfach das hingucken nicht unterlassen. es war wie der badeausflug mit raiko. es war noch früh am tag, raiko schwann nackt durch den see. sie lag allein auf der decke, gerade vom lesen ins träumen abgeglitten, hatte sören vor augen und einen schweissfilm auf der haut, der nach sonne, see und sonnencreme schmeckte, als raiko sich nass und nackt neben sie warf. nackt da wo sie beim fernsehen normalerweise kissen und kopf hinlegte. das ging gar nicht: neben einem nackten freund liegend sich selber mit der zungenspitze den schweiss vom arm tippen und an jemand anderes denken. sie konnte den rest des tages weder hin noch wegschauen, tat so als würde sie schlafen oder lesen oder starrte angestrengt auf den see. sie hatte sich die ganze zeit innerlich nackt gefühlt. Sich, wenn sie ihn ansah, vorgestellt, dass raiko sich vorstellte, wie sie wohl ohne bikini aussah. womöglich tat der typ von gegenüber das gleiche. neben nacktbadern im bikini herumliegen ist ein bisschen wie ohne ibook in einem kaffee sitzen: man hatte einfach nichts vorzuweisen. sybille nahm ein bisschen von dem badeschaum in beide hände und pustete kräftig dagegen, dass er in richtung fenster stob.gleich noch einmal! mit einem gegenüber würde das erheblich mehr spass machen, dachte sybille, mit jemand anders zusammen in der wanne den schaum herum pusten. mit einer kleinen schwester auf der anderenseite der wanne zum beispiel. die hatte sie nie gehabt. dabei wäre das so toll gewesen: mum hätte geschimpft wegen der sauerei und sie wären heimlich kichernd in kleinen rosa bademänteln ins kinderzimmer gelaufen. ihre schwester hätte natürlich da gesessen wo sie sich jetzt hingesetzt hatte, um aus dem fenster in den himmel schauen zu können: auf der stöpselseite, wo auch der stöpselhalter angebracht war, der ihr heute so lästig ins kreuz drückte. denn als ältere schwester hätte sie ja auch ältere rechte auf die bequeme seite der wanne gehabt! nur wenn man nicht alleine ist, sitzt einer auf der stöpselseite.
sybille schloss die augen, hielt die luft an und liess sich langsam mit dem kopf unter wasser gleiten. bloss an etwas anderes denken. oder besser an gar nichts.

episode 25

sehe ich vielleicht irgendwie behindert aus, oder was? sybille kam sich doof vor. die beiden auf der bank musterten sie von oben bis unten. sie hätte eine tasche mitnehmen sollen und das fahrrad benutzen. der weg war dann doch weiter, als sie gedacht hatte. aber sie war lange nicht mehr bei jules gewesen. in der erinnerung vergass sie immer, dass sich die strecke über die beiden brücken ganz schön in die länge zog, bevor man endlich die kreuzberger seite erreicht hatte, dann lag ja auch noch der park dazwischen. was starren die beiden mich denn so an? haben die nichts besseres zu tun? sie zupfte an ihrer bluse herum. stimmte doch alles! die neuen schuhe drückten. humpelte sie möglicherweise ein wenig? blödsinn! sie schielte unauffällig an sich herunter. schick sah sie aus. jules rannte immer noch in bunten retro sneakern, engen grauen röhren und grossen shirts mit grellen prints drauf herum. sybille hatte sich genau aus diesem grund spielerisch spiessig angezogen: einen schwarzen bleistiftrock, eine blassblaue bluse mit angeschnittenen ärmeln und dazu ebenfalls blassblaue peeptoe schuhe mit einem moderaten absatz. nicht gerade bequem, alles zusammengenommen aber ein eleganter kontrapunkt, was die bemühte jugendlichkeit von jules betraf. sie nahm die auflaufform in die andere hand. seit beinahe über einem jahr stand die nun bei jules herum. sybille hatte es einige male angesprochen, viel hatten sie sich eh nicht mehr zu sagen, aber jules machte nie anstalten, sich um die übergabe zu kümmern. sicher, es war bloss eine aufflaufform, nur dachte jules denn nie daran, dass sie ihr nicht gehörte? von zeit zu zeit muss sie ihr doch mal in die finger gekommen sein! stehengelassene, vergessene oder geliehene dinge können einem nicht gehören, dachte sybille. sie für ihren teil fühlte sich jedesmal unwohl, wenn sie beim aufräumen sachen fand, deren herkunft ihr ein rätsel waren. da muss man doch einen gedanken daran verschwenden! sie konnte sich sogar erinnern, was das für ein abend war, als sie den vorbereiteten auflauf mitgebracht hatte! das war das erste gericht, das sie noch als schülerin zu hause kochen gelernt hatte! ein broccoli-kartoffel-auflauf mit sahnesauce, mit käse überbacken. mandelsplitter gehörten ebenfalls dazu. sie wusste auch, dass sie die form damals nach dem essen abgespült hatte, deshalb war ja auch dieser angebrannte käserest am rand so eine frechheit. jules hatte die auflaufform nicht nur die ganze zeit bei sich herum stehen lassen, ohne darüber nach zu denken, ob sybille die vielleicht brauchen könnte, sie hatte sie darüber hinaus noch benutzt, als ob es ihre wäre, ohne sie hinterher angemessen sauber zu machen! aber das nicht mit mir, empörte sich sybille. sie hatte die schultern gestrafft, jules angerufen und damit konfrontiert. war eh mal an der zeit, sich wieder gegenüber zu treten. das bedurfte natürlich einer gewissen vorbereitung, und so hatte sie extra ihre haare gewaschen, zu einem pferdeschwanz gebunden, noch schnell die fingernägel gemacht, auch die fussnägel verlangten nach einer sorgfältigen pediküre, waren die doch der eigentliche blickfang was ihre schuhwahl anging. die zwei gafften immer noch zu ihr rüber. jules hatte sie auch schon so komisch gemustert. „flott wie mami", lautete ihr kommentar, dabei hatte sie abschätzig gegrinst. na, gleich hatte sie es geschafft, immerhin war sie jetzt schon gleiche höhe mit denen. sie strich den rock glatt und versuchte die auflaufform auf der den beiden abgewandten körperseite zu verstecken. auf einmal sah sie sich selber, frisch manikürt und frisiert in ihrem bleistiftrock durch den park laufen. man trank und grillte, spielte ball, junge jongleure präsentierten ihre nackten oberkörper und sie trug in diesem aufzug eine auflaufform wie eine torte vor sich her.
„ich habe mich aufgebrezelt wie für ein date", durchfuhr es sie, „ich habe mich zwei stunden zurecht gemacht, um eine auflaufform nach hause zu bringen."

episode 24

babs und miri kamen herein und winkten fröhlich herüber. sybille seufzte erleichtert, endlich besuch auf den sie sich gefreut hatte. na, die konnte sie jetzt bei mum und dad platzieren, die hatten es nämlich für nötig gehalten, sie kurzfristig und „spontan", wie dad am telefon in einem affigen tonfall gesagt hatte, in berlin zu überfallen. nur alte leute sprachen von „spontanität", so als müssten sie sich etwas beweisen, dachte sybille boshaft und trat die kühlschranktür zu, anstatt sie mit einer geführten bewegung sanft zu schliessen. dad versuchte in einem fort, mit ihr zu reden: „sind das freunde von dir?" fragte er jedes mal, wenn sie jemanden begrüsste.
sybille knallte eine leere flasche mit nur leicht gebremster wucht in die altglaskiste. dieser abend hatte seinen rhythmus verloren. eigentlich hatte er gar nicht erst einen gehabt! dabei war sie doch im laufe der zeit richtig gut geworden hinter dem tresen!
heute hatte sie cocktailschicht. am anfang war das für sie der horror gewesen, wenn in der happy hour ein reisebus nach dem anderen gleichzeitig eintraf, und jeder aus der gruppe natürlich einen anderen cocktail bestellen musste, nur damit man dann unter kritischen blicken und mit kennermiene reihum jeden drink probierte. inzwischen bewältigte sie einen solchen ansturm in der regel souverän. sie konnte mit dem fuss die untere kühlschublade aufmachen während sie mit den armen in völlig entgenengesetzte richtungen arbeitete, sie war in der lage wirklich mit beiden händen unterschiedlich schnelle bewegungen auszuführen, wenn sie die flaschen wieder abstellte konnte sie das in einer für sie geradezu irrwitzigen geschwindigkeit tun und die flaschen trotzdem so absetzen das es nicht den hauch eines geräusches gab. bei ihrer ersten schicht hatte sie dabei einen lärm verursacht, dass sie dachte das glas würde jeden moment bersten. sie spürte es, wenn kollegen hinter ihrem rücken vorbeiliefen, und es war schon lange nicht mehr passiert, dass sie genau in einem solchen moment einen schritt nach hinten machte und eine ganze bestellung auf den fussboden krachte. sie kannte die abmessungen des tresens inzwischen genau und sie fühlte sich in einigen momenten, als würde sie tanzen. es war beinahe als flöge ihr alles was sie brauchte in die hand und begab sich danach wieder auf seinen platz.
der tresen war trotz seiner enge als raum gewachsen. räume die man kennt werden grösser, überlegte sybille, weil man mit ihren möglichkeiten spielerisch umgeht. damit war es heute allerdings essig. von dem moment an, als mum und dad durch die tür marschiert waren und sich genau in die ecke am cocktailarbeitsplatz gesetzt hatten, war der gesamte laden auf die grösse einer nussschale zusammengeschnurrt, wie zuvor schon ihre wohnung. beim eintreffen war mum durch alle zimmer gerauscht wie ein feldwebel, riss vorhänge und fenster auf. „hier muss mal ordentlich luft rein! lässt du die vorhänge immer halb zu? du erstickst ja hier drinnen kind!" das frisch bezogene bettzeug hob sie kritisch an die nase, um alsbald die eigenen mitgebrachten bezüge hervorzuholen. in der küche hatte sie in alle schränke geguckt, zwar keinen ton gesagt, aber fortwährend leicht den kopf geschüttelt.
und wenn sie schon bei ihr übernachten mussten und nicht in einem hotel, wie es sich für die eltern einer erwachsenen tochter gehörte, konnten sie wenigstens von ihrem arbeitsplatz fern bleiben. sybille schielte die ganze zeit mit einem auge zu mum und dad rüber und versuchte zu verstehen, was die da die ganze zeit herumplapperten, babs und miri wirkten nur mühsam beherrscht. „unsere tochter", hörte sie mum sagen, „hat ja inzwischen auch schon angefangen zu produzieren", und sybille lief es heiss und kalt den rücken hinunter. sie hatte ja gelogen, sie hatte die tasche die sie von babs und miri zum geburtstag bekommen hatte als eigenes modell ausgegeben. quasi als prototyp einer eigenen kollektion. nur so zum angeben. jetzt musste ein ablenkungsmanöver her.

episode 23

sybille nippte an ihrer pina colada, lag ganz still, überliess sich ihren regelmässigen atemzügen und horchte in den nachmittag hinein. es war auf eine vollkommene weise still. stille bedeutete ja nicht geräuschlosigkeit sondern eine art ruhiger gleichmässigkeit. ein gemurmel, ein streicheln des windes, ein wiegendes auf und ab. träge blinzelte sie in die sonne, stiess sich mit dem heraushängendem bein ab, um die hängematte in schwung zu bringen, dabei grub sich ihr fuss leicht ein und beim herausziehen rieselte der sand zwischen den zehen hindurch.
zu hause verbrachte sie die sonntage häufig bei offenem fenster auf dem bett und lauschte dem klappernden abwasch der anderen hausbewohner, den zusammenhanglosen musikfetzen und übers dach schwappte das rauschen der sonntagsflaneure aus der simon-dach-strasse in den hof. so ungern sie sich das inzwischen antat am flohmarkt rundlauf auf dem boxi teilzunehmen, so gerne lag sie einfach nur da, schaute auf die glänzende hinterhausfassade, liess sich die nasenspitze von einem hereinwehenden luftzug kitzeln, die hände von einem glas latte machiato wärmen und beschäftigte sich mit nichts. das wasserflugzeug brummte leise auf seinem rundflug, im ersten stock hustete der kette rauchende alkoholiker seinen auswurf in die spüle bis sich die mikrowelle mit einem pling öffnete und er mit seinem fertiggericht zurück ins wohnzimmer schlurfte. das war der klingende ausschnitt ihrer stadt, der in dieser zusammensetzung nur auf dem rücken liegend in ihrem schlafzimmer zu vernehmen war. eben das nur-geräusch. gerade im frühjahr oder im herbst waren die töne klarer und schienen eine weile in der luft hängen zu bleiben, eine präzision wie das farbenspiel der korallen, das man erst unter der wasseroberfläche so wahrnehmen konnte. so da zu liegen, das hatte was von einem gut austarierten tauchgang, bloss ohne den druck auf den ohren. das war ihr bisher auch erst einmal gelungen, am vorletzten tag ihres ägyptenurlaubes, die belohnung für das bestehen der abitursprüfung. eigentlich träumte sie damals von australien. obwohl sie keinen schimmer hatte, wie es da wohl aussehen könnte, wollte sie die weite des landes erkunden und einmal am great barrier reef tauchen gehen, das hatte sie sich von mum und dad gewünscht, aber die hatten ihr ägypten gegeben und lieber die wohnung in berlin gekauft, da war dann lediglich eine kleine pauschalreise drin gewesen.
nun gut, jetzt war sie ja hier. sie konnte sich nicht erinnern jemals eine so tiefe zufriedenheit in sich verspürt zu haben, wie hier an diesem einsamen sandstrand mit einem drink in der hand. sie nahm noch einen kräftigen schluck pina colada. die palmblätter wiegten sich leicht im wind und sie, umhüllt von der karibischen, feucht schwülen hitze, schaukelte sanft in der hängematte hin und her. durch ihre geschlossenen augenlider sah sie einen schwarm flamingos in seiner ganzen rosa pracht vor dem sonnenuntergang aufsteigen, von den fischerbooten stiessen pelikane ins wasser, die wellen schlugen höher auf den strand und zogen sich mit einem satten schmatzen wieder zurück und als die sonne den horizont berührte, stieg sören aus dem wasser, er trug noch das meer an seinem körper und lief auf sie zu. gleich hatte er sie fast erreicht, nur noch ein kurzer augenblick. sie hob sich ihm entgegen, seinen kräftigen schultern, er beugte sich über sie, wasser perlte auf seiner brust, tropfte auf sie herab, ein schauer rieselte über sie hinweg, vom kopf bis zu den zehenspitzen, alles zog sich zusammen, sie öffnete ihre arme, strich ihm die haare aus dem gesicht, sie wollte versinken in seinen blauen augen, suchte seinen blick, rief seinen namen ... rief ... „raiko", rief sie. wo war sören? sie hatte ihn doch gespürt! alle geräusche verstummten, alle farben erloschen, nichts regte sich mehr. immer wenn sie sören fast erreicht hatte taucht raiko vor ihr auf.
sie hatte geschlafen, sie hatte geträumt, sie lag auf dem sofa und sie hatte geweint.

episode 22

wow, die wohnung war jetzt aber mal richtig blitzblank und hatte diesen schönen leicht zitronigen putzmittel-duft. zufrieden fläzte sich sybille auf dem sofa herum. wie jedes jahr hatte sie die januar-depression gar nicht erst aufkommen lassen und sich stattdessen lieber ihrem obligatorischen jahresanfangsputzritual hingegeben. schon als kleines mädchen hatte sie von mum immer eine grosse aufräumaktion zu beginn des jahres verordnet bekommen.und worüber sie noch zu hause in neumünster immerzu gequengelt hatte, das übernahm sie jetzt ganz selbstverständlich, als ob dieses ritual ihre eigene kleine erfindung gewesen wäre. vielleicht sollte sie dieses jahr tatsächlich mal die disziplin aufbringen, und das rauchen auf den balkon verbannen, überlegte sybille und schnupperte noch einmal geniesserisch, solange diese frische noch zu riechen war. komisch, irgendetwas störte. sollte sie vielleicht das sofa noch mit dem polsterreiniger angehen? aber es roch nicht schlecht. eben nach sofa. raiko war gestern hier gewesen. sie kräuselte ihre nase, hob das kissen an und tatsächlich: raiko hatte seinen schal liegengelassen und das war genau sein geruch: nach junge irgendwie, aber nicht auf diese strenge teenager-weise, eher angenehm als unangenehm, nach selbstgedrehten zigaretten, nach etwas zu lange auf dem sofa gesessen und ferngesehen, nach suppe und zuhause, ein wenig nach old spice oder einem standardrasierwasser aus der discount-drogerie, einem zimmer das man gerne betrat, leicht ungelüftet, aber dabei gemütlich. nach jemandem, den man oft und gerne um sich hatte. so wie mädchen wenn man sie mochte einfach immer nur nach freundin rochen. sicherlich würden andere raiko eine kleine dosis parfüm verordnen, aber sie fand das so viel angenehmer als zum beispiel bei peer. jedesmal wenn sie hinter dem tresen stand und er sich viel zu nah an ihr vorbei schob, um sein zugangsrecht als chef zu demonstrieren, schwappte eine klebrige wolke aus solarium und kaubonbon über sie hinweg. genauso roch es wenn man eine dose red bull öffnete. aufdringlich und überpflegt, wie in einer grossraumdiskothek auf dem land, in der man weisse breitcordhosen zu weissen socken und weissen sneakern trug, um das ganze mit weissen pullovern zu kombinieren. unwillkürlich musste sie kichern. das hätte jetzt auch von raiko kommen können. mit dem hatte sie gerade wirklich eine feine zeit. mit ihm machte sie so sachen wie zum hundertsten male die legende von paul und paula anschauen und danach im dunkeln am paul und paula ufer entlangzulaufen, um auf der paul und paula bank noch ein bier zu trinken. egal wie kalt es war.
oder sie holten sich beide eine decke und kuschelten sich darin gemütlich aufs sofa. der tee war warm, die glotze lief und meistens schlief sie dann wie umgemäht tief und friedlich ein. raiko deckte sie, bevor er sich leise auf den heimweg machte, immer noch mal richtig zu. heute würde sie das ohne ihn versuchen, wenn sie den schal wieder unter das kissen packte war es doch fast so, als würde er neben ihr sitzen und so lange erzählen, bis seine worte sich zu einem leisen gemurmel entfernten und sie sich endgültig für einen traum entschieden hatte. ja, sie konnte raiko gut leiden, genauso wie sie peer eben nicht riechen konnte.
wie sie wohl roch? sie schnüffelte probehalber in der ellenbeuge, unter den achseln, hielt sich die handinnenfläche vor die nase. konnte aber nichts prägnantes finden. sie hatte keine schwitzigen hände und sie benutzte ein verdammt gutes deo, das war das einzige, was sie feststellen konnte. wie nahmen eigentlich jungs den geruch von mädchen war? klopfte denen manchmal auch das herz bis zum hals und darüber hinaus? als sie bei ihrer ersten begegnung neben sören stand, war es diese nur angedeutete spur von parfüm, ein hauch von sand, alkohol, aber kein suff. von unterwegs, nachtleben und tanzen. alles perfekt abgestimmt auf den geruch von körper. ja, sören schwitzte, er war unterwegs, roch wie eine sonnenkatze, nur männlicher. leicht salzig. unrasiert, aber nicht zu sehr, bloss ein paar stunden. er war einer von den typen aus den calvin klein spots der neunziger. sie wusste zwar nicht wie sören mit nacktem oberkörper aussah, aber in etwa so stellte sie ihn sich vor.
während sie tiefer in den schlaf abtauchte hörte sie sich selbst von der einen seite geniesserisch mit der zunge schnalzen, von der anderen seite aus schellte ihre türklingel. wer mochte das bloss sein? um diese uhrzeit? noch ganz benommen nahm sie den hörer der gegensprechanlage ab. beide sprachen gleichzeitig.
„ich habe gestern meinen schal bei dir liegenlassen. kann ich kurz hochkommen?" und sybille sagte: „ich habe schon auf dich gewartet sören, komm rauf."
und dann hörte sie raiko sagen: „ich schau besser morgen noch mal vorbei."

episode 21

weihnachten war älter geworden. nicht anders, nicht besser oder schlechter, bloss älter. gedankenverloren steuerte sybille ihre lupine zurück nach berlin. aus den augenwinkeln sah sie manchmal jules redenden mund. immerzu hampelte und plapperte die herum, kramte in ihrer tasche, um sybille irgendwelche gegenstände zur ansicht unter die nase zu halten.
ja, weihnachten war tatsächlich gealtert. als sybille am tag vor heiligabend eintraf, klagte dad über die beschwerlichkeiten des weihnachtsbaumkaufs. „diesmal nur einen kleinen, du bist ja so oder so nur ein paar tage hier und deiner mutter und mir reicht der vollkommen aus. geschmückt haben wir auch nicht so viel. warum sollen wir den baum so überladen und extra den ganzen christbaumschmuck aus dem hintersten winkel hervorsuchen? so ist es doch viel schöner.“ früher hatte er sybille mit dem schlitten durch die strassen gezogen und mit ihr so lange gesucht, bis sie den richtigen baum gefunden hatten. den banden sie dann auf dem schlitten fest und es blieb sogar noch zeit für eine gelegentliche schneeballschlacht. aber schnee gab es ja auch nicht mehr. „... und die ganze kocherei, dieses jahr nehm' ich rotkohl aus dem glas. den unterschied merkt ausser deiner grossmutter eh keiner, oder meinst du, dein onkel werner interessiert sich dafür? nur damit alles in fünf minuten herunter geschlungen wird!“ beklagten die beiden sich etwa über die last der vergangenen weihnachtsfeste?
mum und dad hatten sich augenscheinlich auf ein leben ohne sybille eingerichtet.
als sie das gepäck in ihr altes zimmer brachte, musste sybille erstmal wäscheständer und bügelbrett beiseite räumen. die löcher, die sie beim auszug hinterlassen hatte, waren geschlossen worden. im schrank hingen die halb ausrangierten kleider von mum und warteten auf ein abschliessendes urteil, im bücherregal standen die alten bestseller schinken, die schon im wohnzimmer in die obersten oder untersten regalreihen verbannt waren; hinter blumenvasen und allerlei nippes versteckte simmels, konsaliks und pilchers. die peinliche verwandtschaft, die man beim essen so platzierte, dass sie niemanden störte. sonst war alles wie immer. nur älter eben und langsamer.
am heiligabend frühstück, danach ein langer spaziergang mit mum und dad. mittags gab es würstchen mit kartoffelsalat, dann legte man sich zur mittagsruhe, dann begann das warten auf opa heinrich und oma lisbeth, die am späten nachmittag aus lübeck angereist kamen. das signal zu kaffee trinken und bescherung. opa heinrich betrieb wie immer kulturkritik. thema in diesem jahr: sinn und unsinn digitaler bilderrahmen. der digitale bilderrahmen nämlich entfremde von der entscheidung für ein bestimmtes bild, die möglichkeit wechselnder bildanzeige und der grosse vorrat auf einer speicherkarte erzeuge schlichtweg beliebigkeit etc. pp. und so weiter und so weiter. im gegenzug verwies sybille auf die renaissance des bastelbogens, die es in berlin in den kleinen design-läden gab. mit neuartigen, zeitgemässen motiven. oder das döner-quartett. dann wurde endlich abendbrot gegessen. sybille floh anschliessend in den postkeller, wo sich alle über weihnachten heimgekehrten trafen und warf sich in das gewoge gegenseitigen umarmens. dörte war aus london gekommen und kündigte den baldigen umzug nach berlin an. sascha hatte sich für drei jahre verpflichtet um endlich mal einen panzer zu fahren, „und studieren kann ich da auch [zum studieren müssen es 12 jahre sein]“ wie er kindisch herumbrüllte. mir nichts dir nichts war jules auf sie zugestürzt und knutschte sie ab, als hätten sie sich im letzten halben jahr täglich gesehen. dabei hatte sie anscheinend nicht einmal bemerkt, dass sie sybilles geburtstag vergessen hatte.
sybille warf einen blick auf den beifahrersitz. selbstverständlich hatte madame es dann doch nicht pünktlich zur abfahrt geschafft, sondern eine halbe stunde später telefonisch darum gebeten, abgeholt zu werden. seitdem redete sie in einem fort, wechselte alle naselang die musik und rauchte kette. jede fünfte war vermutlich ein mini joint. immerhin überdeckte der grasgeruch den gestank nach ausgelassenem gänsefett, der seit dem ersten weihnachtstag in sybilles kleidern hing. die obligatorische gans hatte zum himmel gestunken, als sie nach dem postkeller besäufnis aufwachte. seitdem befand sie sich in einem von brechreiz dominierten dämmerzustand. schweigend ertrug sie onkel werners angetrunkenes gelalle, opas professoralen tonfall und mums sorgenvolle fragen, so wie sie auch jules ausführliche sylvesterplanungen ertrug. wenn einem von einer geplanten party berichtet wird, überlegte sie, als die lichter berlins vor ihr auftauchten, war man dann automatisch eingeladen?

episode 20

peer schob sich durch die tür und ihre wohnung schrumpfte schlagartig auf die halbe grösse zusammen. auch ausserhalb seines ladens bewegte er sich mit der gleichen breitschultrigen präsenz, trug sein „work sucks – go surfing“ t-shirt und redete mindestens ebenso laut. im vorbeigehen schmetterte er ein überfröhliches „hast du mal gläser für den schampus, kleene?“ und begann, die flasche zu öffnen, ohne sie ihr überhaupt in die hand zu drücken. war das jetzt ein geburtstagsgeschenk oder selbstverköstigung? ihm war hier eindeutig zu wenig los, das konnte man beinahe körperlich spüren. wie er sich krachend in den einzigen noch freien sessel warf, ohne andrea, die auch gerade erst gekommen war, den platz anzubieten. zugegeben, die geburtstagsgesellschaft machte tatsächlich einen etwas spärlichen eindruck, aber so war es ja mehr oder weniger auch geplant. nachdem sie raiko versehentlich eingeladen hatte, musste sie ihren geburtstag, den sie doch eigentlich totschweigen wollte, in irgendeiner weise begehen, hatte schnell noch babs und miri und gestern abend leichtsinnigerweise auch noch peer und andrea bescheid gesagt. andrea, weil das ihre lieblingskollegin war, und da peer unversehens hinter ihr stand, nuschelte sie ein „komm du doch auch, würd mich freuen“ in seine richtung. jetzt hatte sie den salat. raiko zog schon genervt die augenbrauen hoch. eine frage der zeit bis die beiden sich anpampen würden.

sybille vertagte das problem, verschwand in der küche und zog das nächste blech aus dem ofen. kindheitserinnerungen krochen ihr in die nase. gebackene hühnerflügel und kartoffelecken hatte mum an ihren geburtstagen gemacht, als sybille noch klein war. bei den anderen kindern gab es immer pommes, das lehnten mum und dad aber aus grundsätzlichen erwägungen heraus ab. das war ihre alternative. konnte man auch mit den fingern und mit ketchup oder süss saurer sosse essen.

mitte dezember geburtstag zu haben, bedeutete ganz klar nichts als stress. einmal die woche einen termin zum feiern und bilanz ziehen, das hielt doch kein normaler mensch aus. vor allem war ja das gesamte vergangene jahr ein einziges bilanzieren gewesen.
den besuch der eltern wenigstens hatte sie aufs nächste jahr verschieben können. war ja auch eine schwachsinnsidee, sie zu besuchen, wenn sie drei, vier tage später eh nach neumünster fuhr. geschätzte schonfrist, was das anging: bis ungefähr märz, april. puh!
der korken knallte, der champagner schäumte über, ergoss sich über die sessellehne und peer grinste selbstzufrieden vor sich hin. schnell die geschenke vom tisch bevor er die flasche dort abstellte! babs und miri hatten ihr eine wundervolle tasche mit einem niedlichen kleinen eichhörnchen drauf geschenkt, nebst dazugehörigem geldbeutel. selbst entworfen und selbst produziert. deren umtriebigkeit müsste man haben. sybille liess einen heimlichen, neidvollen seufzer aufsteigen. warum hatte sie nicht die energie und den schneid, so etwas selber selbst zu machen? höchstwahrscheinlich war das der prototyp einer eigenen kollektion, die man bald in der „heimat“ oder einem ähnlichen laden kaufen konnte. sie stampfte innerlich mit den füssen vor wut. die beiden hatten sich richtig arbeit und mühe gemacht, aber sie sah nur die konkurrenz aufmaschieren.
„ick sach ma: uff bille, gell, und bleib schön wie de bist, kleene, weischt wie?“ peer hob sein glas und zwinkerte in die runde. „sag, aus welchem teil berlins bist du denn nach baden württemberg gezogen?“ sybille krampfte ihre finger um das glas. raiko klang wie mum, wenn sie, wie jedes jahr beim weihnachtsessen zu onkel werner sagte: „... und du willst sicher wie immer schon vor dem essen einen cognac, nehme ich an?“

episode 19

die warschauer brücke war möglicherweise der zugigste ort der welt. jedenfalls konnte sybille sich nicht entsinnen, jemals irgendwo so lange bewegungslos und mit vom wind rissig gebissenen lippen herumgestanden zu haben. gott sei dank hatte sie sich warm genug angezogen. dabei war das eine rein modische entscheidung. ihr schon im sommer gekauftes, gelb eingefärbtes palituch, passend dazu die weissen moonboots mit ebenfalls gelb abgesetzten nähten. ihre nasenspitze war mittlerweile kaum noch zu spüren. trotz alledem stellte sie zu ihrer überaschung fest, dass sie sich wohl fühlte. mit der dämmerung hatte sie das haus verlassen, um sich mit raiko auf der modersohnbrücke zu treffen. von dort aus waren sie den osthafen entlang gegangen, um jetzt von hier aus das gleiche panorama zu sehen. dieses komische neue stadion war auf einmal beängstigend gross und je länger sie darauf starrte, desto unwirklicher sah es aus. wie ein ufo. auf dem metrodach glänzte das flutlicht, so dass man den fernsehturm fast nicht mehr sehen konnte. schade eigentlich. was wohl passierte, wenn auf dieser brache noch weitere bauten entstehen würden? raiko dozierte schon seit geraumer zeit mit weit ausholenden gesten über die anstehenden bauvorhaben. ein seltsamer spaziergang war das. sie hatten sich kurz begrüsst und waren anfangs schweigend nebeneinander her gelaufen. irgendwann hatte raiko zu reden begonnen und seitdem auch nicht mehr aufgehört. angenehm, dass er keinerlei fragen stellte. ein kurzes „wie geht’s dir?“ und ihre gemurmelte „ja, gut“ antwort war eigentlich alles gewesen. eingehüllt in die dunkelheit stand sie auf der brücke, der wind riss raikos monolog in einzelne hauptwortfetzen auseinder, während auf der anderen brückenseite eine lärmende karawane von s- und u-bahnhof nach friedrichshain strömte. das ganze hatte etwas beruhigendes. sie konnte sich gar nicht erinnern, raiko überhaupt kennengelernt zu haben, er war ab einem unbestimmten zeitpunkt schlicht und einfach immer wieder aufgetaucht. fest stand, dass er ständig den kontakt suchte, ihr seine telefonnummer mehrmals geradezu aufgedrängt hatte, sich mit ihr tagsüber treffen wollte. unter feierleuten, die privat sonst nichts verband, schien ihr das ein tabu zu sein. man begegnete sich doch eh ständig. und wenn man sich tagsüber sah, dann auf einer afterhour oder einem chill out, eingeklemmt zwischen zwei nächten und garantiert nicht nüchtern. umso erstaunlicher, dass es ihr genau heute an diesem unwirtlichen ort so selbstverständlich erschien, neben ihm zu stehen, und einfach „die stadt zu gucken“, wie er es nannte. sie dachte immer er wolle sie anbaggern, aber war das wirklich der fall? vielleicht fand er sie einfach nur nett. jedenfalls hatte er nicht versucht sie anzufassen. nur die typische handschlag begrüssung. keine partyküsschen auf die wange, wie das ihre alte clique immer mit allen getan hatte. „sag raiko“, entfuhr es ihr mit einem mal, „wenn du an meinem geburtstag auch da wärst, das fände ich schön!“

episode 18

auf die blöde sonne konnte sie sowieso verzichten. herbstlaubromantik. na herzlichen dank auch. sybille lugte durch den vorhang und zog sogleich erschrocken den kopf wieder zurück. die vergangene nacht war entsetzlich gewesen! klatschnass war sie wie gerädert aus einem albtraumgetränkten halbschlaf erwacht und jetzt strahlte ihr der sonntagshimmel höhnisch ins gesicht. also öffnete sie bloss das fenster, liess die vorhänge dabei geschlossen, schnappte sich ihr i-book und schlüpfte wieder ins bett. aha! aha! sören und jules waren also online. sybille starrte angestrengt auf ihre top-freunde. eigentlich hätte sie die längst löschen sollen aber sie brachte es noch nicht einmal fertig, die beiden von der startseite zu verbannen. denn obwohl sören aus ihrem realen leben komplett verschwunden war, dachte sie ohne unterlass an ihn und so wie er auf diese weise weiterhin teil ihres alltägtlichen lebens blieb, nahm sie, ohne das er es wusste, anteil an seinem leben, indem sie sein myspace profil aufrief, die postings las oder sich durch sein fotoalbum klickte. sören beim freitagabend warm up in jules wohnung, sören auf der fusion, sören in der bar25. seltsam die vorstellung, dass er umgekehrt die gleiche möglichkeit hatte. vielleicht sah er ab und an auf ihrem profil vorbei und fragte sich, wie es ihr wohl gehen könnte. hatte er registriert, dass sie seit zwei monaten kaum noch im space unterwegs war? das bedeutete ja, dass sie auch seine seite nicht länger, wie anfangs, fast täglich besuchte. anhand der kommentare liess sich immer herausfinden, was die beiden an den wochenenden so trieben. jetzt waren sie grad mal zurück aus dem weekend und chatteten schon wieder miteinander. ein leises gefühl der eifersucht liess sybille unruhig herum rutschen, genauso nervös begann sie, zwischen den beiden profilen hin und her zu switchen, um ja nichts zu verpassen. wer war jessica? die kannte sie ja noch gar nicht, die musste neu sein! was war mit der während des sonnenaufgangs auf der weekend dachterrasse? nein, nein, nein! sybille schloss die augen, bemühte sich, die atmung zu kontrollieren, strampelte die bettdecke von den beinen und rannte ins bad, um erst mal den kopf unter wasser zu halten. danach nahm sie erschöpft auf dem klodeckel platz. aus den nassen haaren fielen dicken tropfen auf die fliesen. einsam war sie. gewusst hatte sie das die ganze zeit, hatte dagegen angekämpft. ihr herz wog so schwer, dass es sie immerfort zu boden drückte. jeden tag auf die strasse zu gehen und das forsche gesicht einer tapferen sybille aufsetzen zu müssen war eine entsetzliche last. aus den augen tropfte es jetzt auch. warum war sie nicht in der lage, raiko zu antworten? der war doch eben gerade auch online und hatte sie gefragt ... nein, gefragt hatte er eigentlich nicht. er hatte mehr so allgemein über die sonne geschrieben und den himmel. vom spazierengehen in klarer kalter luft. nein, gefragt hatte er nicht. das war nun wohl ihr part.

episode 17

die bettdecke war zu schwer für die beine. die lagen wie aufgequollene holzpflöcke auf der matratze. inständig bettelte sybille darum, in einen tiefen, traumlosen schlaf fallen zu dürfen, aber wenn sie sich ein kleines bisschen hinabsinken liess, prasselten unablässig bestellungen auf sie ein. kaum war ein tablett rausgetragen, standen zwei neue bereit, oder sie musste den korkenzieher suchen, und wenn sie verzweifelt aufgab, stand die flasche mit einem mal geöffnet genau vor ihr. keiner sah sie an, aber alle wollten etwas von ihr. einfach still liegen und sich auf das gleichmässige rauschen des regens konzentrieren. sybille wälzte sich hin und her, lagerte ihre beine um, knipste die lampe an und versuchte zu lesen bis ihr die augen zufielen, um dann mit erschlaffender hand das licht zu löschen, damit alles wieder von vorne begann. da war das unruhige pochen ihres herzens, ihr eigenes atemgeräusch und das blut sauste in den ohren, während ihre füsse in einem fort schrien: „wir sind müder als du! du darfst erst einschlafen wenn wir ausgeschlafen haben!“ was für eine tortur. das entsprach genau der schinderei der letzten wochen. zwar hatte sie durchgehalten und sich nicht endgültig einschüchtern lassen von all den gehässigkeiten ihrer kolleginnen oder peers launischem verhalten. inzwischen hatte sie begriffen: peer war ein morgenmuffel, abends war er viel umgänglicher, meistens sogar charmant. aber auch wenn sie diese klippe jetzt umschifft und die probezeit überstanden hatte, lag wieder ein gewaltiger berg vor ihr. bald würde das semester wieder beginnen und das hiess jules und sören unter die augen treten. dann rückte auch ihr geburtstag immer näher. ursprünglich hatte sie vorgehabt, den ganz gross zu begehen, denn ungefähr zu diesem zeitpunkt war sie auch nach berlin gezogen. im februar hatte sie schon pläne geschmiedet: „ein jahr sybille in berlin!“ das wäre mal ein partymotto gewesen! als einladung hätte sie einfach ihre meldebestätigung verschickt. nur, wen sollte sie jetzt einladen? ausser babs und miri waren nicht viele übriggeblieben. raiko etwa? peer? überdies hatten mum und dad ihren besuch für diesen zeitraum angekündigt. was sollte sie denen bloss sagen? ein jahr berlin und nicht einen halben millimeter tritt gefasst? sybille schlug ihre bettdecke zurück. die drückte nicht nur auf ihre müden beine, sondern schnürte ihr auch noch die luft ab. konnte man schlaflosigkeit eigentlich träumen? so wie sie zwar die schlechten träume der kindheit überwunden zu haben glaubte, jetzt aber das träumen von albträumen träumte. unterschieden sich erwachsene und kinder etwa auf diese weise voneinander? indem sie nicht mehr beim schwimmen den sog in die tiefe spürten, sondern der angst zusehen konnten?

episode 16

peer war total nett! munter pfiff sich sybille die ewige danziger strasse hinauf, ihrem neuen arbeitsplatz entgegen. bei gegenwind war das mit dem fahrrad eine einzige plackerei. trotzdem behielt sie tapfer ihre kleine melodie auf den lippen. auch wenn zu allem überfluss jetzt noch ein stinkender müllwagen direkt vor ihr fuhr. konnten die denn nicht schneller fahren? sybille drosselte das tempo in der hoffnung, er möge an der ampel noch die grünphase schaffen. aber nein, jetzt stand sie genau daneben. als kleines mädchen konnte sie die luft anhalten, bis der kopf beinahe platzte, diese fähigkeit hatte sich leider rausgewachsen. durch den mund atmen half in keiner weise, statt direktem brechreiz setzte sich ganz hinten im hals eine beharrlich kitzelnde aufforderung fest, ihr inneres endgültig und für alle zeiten nach aussen zu kehren. egal! peer jedenfalls war total nett! denn obwohl sie ihm genau fünf frühstücksteller vor die füsse geknallt hatte, war er einfach ganz cool geblieben. „mönsch bille! machst’n du für sachen?“ hatte er amüsiert gesagt, ihr dabei freundschaftlich den arm um die schulter gelegt, anschliessend geholfen, das malheur zu beseitigen, und von da an den rest der schicht immer ein auge auf sie gehabt. immer mal schnell helfend hand angelegt. immer mit einem aufmunternden augenzwinkern. da konnte sie ihm auch nicht mehr böse sein, als er ihr eröffnete, dass sie die ersten fünf probeschichten nur den halben stundenlohn bekam. die vier schichten würde sie schon auch noch überstehen und danach gabs ja schliesslich 5,70 die stunde. plus trinkgeld. nicht viel. aber wenig nun auch nicht gerade. selten hatte sie einen so frohgelaunten vormittag gehabt! normalerweise rang um diese uhrzeit ein fades grundgefühl gegen die vage vorstellung von entschlusskraft. solange bis sybille am ende erschöpft wieder einschlief, um sich nachmittags schliesslich eine graue mahlzeit von einem umliegenden imbiss zu holen. dann lieber hinter der müllabfuhr herfahren! an jeder verfluchten ampel holte sie den wagen wieder ein. aber peer, der war wirklich nett! zum feierabend durfte sie sich unter seiner anleitung sogar noch einen drink mixen, musste sie ja auch lernen, um irgendwann abends bestehen zu können. auf jeden fall hatte er ihr hoch und heilig versprochen, an ihrem nächsten tag wieder da zu sein. peer war eher so der typ älterer kumpel mit vateranteil. so wie man sich als teenie den vater immer wünscht: nicht unattraktiv, verständnisvoll, etwas verspielt, aber mit einer grundsätzlichen autorität ausgestattet. sein laden sah genauso aus: ein buntes potpourri aus sechziger- und siebziger-jahre-möbeln. überall gemütliche sesselchen und sofas, scheinbar nicht zueinanderpassend, aber geschmackvoll angeordnet. und er war wirklich da, registrierte sie erfreut, als sie ihr fahrrad vor dem laden zum halten brachte. peer sass mit seinen jungs im fenster und löffelte ein gekochtes ei. freudestrahlend öffnete sie die tür. „da bist du ja endlich“, sagte peer ohne sie gross anzusehen. „dann beweg mal deinen hübschen hintern und bring uns eine lage kaffee. schneller als beim letzten mal, wenn’s geht und hoffentlich kommen auch alle tassen bis an den tisch.“ hinter dem tresen stand bereits sandra, eine von den doofen ziegen vom letzten mal und sah mit ausdrucklosem blick an ihr vorbei.

episode 15

verflixt und zugenäht! wo hatte sie denn bloss eben die neuen bons abgelegt? verstohlen lupfte sybille kurz ihre füsse. hätte sie doch lieber die bequemen ballerinas angezogen! gott, jetzt eine pause und selber mal ne tasse kaffee oder ein wasser! seit zwei stunden rotierte sie hinter dem tresen und draussen war es grad mal halbvoll. „ein milchkaffee, ein latte, ein chai-latte, eine kleine apfelschorle und eine grosse! zwei getreidemilchkaffee, einmal mit soja! ist der espresso für die 24 schon fertig?“ kathi schmiss die bons auf die untertasse, schob sybille beiseite, griff dabei mit der einen hand nach den tassen, während sie mit der anderen schon den siebträger einrasten liess. zack zack waren zwei espresso fertig. sybilles pony hing klatschnass in den augen. „sybille! gehst du bitte mal beiseite! wir haben keine tassen mehr! wieso ist die spülmaschine noch nicht an? könntest du bitte die schmutzigen gläser dort drüben abstellen und nicht irgendwo? danke!“ sandra rauschte vorbei, ein übervolles tablett hinterlassend. wie soll ich denn bitte schön die spülmaschine ein und ausräumen, wenn ich angeblich immer im weg stehe? die beiden biester waren schon bei der begrüssung ausgesprochen ekelhaft gewesen. angestrengt starrte sybille auf ihre rechte hand: der kleine finger zitterte schon wieder wie verrückt. ein untrügliches zeichen dafür, dass sich hässliche rote hektikflecken vom hals her auszubreiten begannen. kein wunder, das hier erinnerte ja auch eher an eine gehässige schulhofschubserei als an irgendetwas anderes. der heissfeuchte nebel der ausdampfenden spülmaschine schlug ihr beim öffnen schmerzhaft ins gesicht. so also sah ihre strafe für das mit dieser albernen liebelei verbummelte semester aus. als mum und dad erfuhren das sie bei weitem nicht alle erforderlichen scheine vorweisen konnte, hatten sie ihr zwar nicht die monatlichen zahlungen zusammengestrichen, aber verlangt, dass sie in den semesterferien zu arbeiten und das geld zurückzulegen hatte. für grössere anschaffungen kommen wir in zukunft nicht mehr alleine auf! äffte sie dad’s strengen beamtentonfall im geiste nach. eigentlich wäre ein klamottenladen der coolere job für sie gewesen. einer in dem auch berliner designer verkauft werden zum beispiel. den ganzen montag war sie durch mitte und prenz’lberg gelaufen und klapperte alle aber auch wirklich alle boutiquen und zum schluss auch die schuhläden ab. als sie dann am abend auf einen aufmunterungs-prosecco hier einkehrte, hatte sie, eher aus versehen, beim bezahlen nach arbeit gefragt und wurde gleich am nächsten tag zur probeschicht eingeladen. von draussen hörte sie peer, ihren chef, mit irgendwelchen gästen leutselig herumflachsen. ausgerechnet in diesem chaos! die beiden schreckschrauben hatten sie mit abgeräumten geschirr geradezu zugeschmissen und waren ausgerechnet jetzt nirgends zu sehen. da sah sie schon wie sich peers braune surfer-mähne durch die tür schob. mit einem lauten knall zersprang gleich ein stapel frühstücksteller genau vor ihren füssen. sybille stand da wie festgewachsen und peer blickte ihr genau in die augen.

episode 14

mit hilfe einer halben flasche trockenen weissweins begab sich sybille in einen zustand fröhlicher gelassenheit. logo trank sie den nicht pur sondern als schorle. weissweinschorle zu trinken, war ausweis ihres korrigierten lebenswandels. schluss mit wodka und den harten sachen, lieber kalorienreduziert angetütert sonntags in der kaufbar rumhägen, als auf chillouts in der bar25 übergrosse pupillen hinter sonnenbrillen verstecken! ihre obercoole absturznummer sollten jules und sören mal hübsch alleine kultivieren. überhaupt, jules! diese verdammte hexe!!! einen wimpernschlag lang kochte sybille vor wut, bevor sie erneut auf ihre weinschorlewolke zurücksank. so richtig hatte sie die demütigungen des letzten halben jahres noch nicht verwunden und wurde daher ab und an von derartigen ausbrüchen durchgeschüttelt. immerhin vergrösserten sich die abstände zwischen ihren aufwallungen merklich. das hier jedenfalls schien der ideale ort für einen umfeldwechsel zu sein. könnte man durchaus auch mit den eltern vorbeischauen. alles etwas unorthodox, aber genau die richtige mischung für die ellis. es gab kaffee auch im kännchen und das konzept war obendrein noch originell. die kaufbar hiess nämlich kaufbar, weil hier abgesehen von getränken auch alles andere kaufbar war. einfach so die kaffeetasse vom nachbartisch kaufen. hihi. sybille kicherte albern in sich hinein. noch ein klitzekleines gläschen vor dem nachhauseweg könnte gewiss nicht schaden. gemächlich durchquerte sie ihr neues wohnzimmer, um nachschub zu ordern, und linste dabei mit einem auge auf die strasse. wurde zeit das mal ein bekanntes gesicht zum plauschen vorbeikam, mittlerweile hatte sie alle magazine zig mal durchgeblättert. ärger krauste ihre stirn. keine nachrichten auf dem telefon. babs und miri wollten sich heute wohl nicht blicken lassen. in sybilles ohren schwoll die angeregte plauderei der spanischen gruppe am nachbartisch zu einem bedrohlichen brausen an. „drei stunden alleine rumhocken, da machste dich ja zum vollaffen“, entfuhr es ihr halblaut. herrjeh! selbstgespräch! völlig neue symptomatik. wenn jetzt wenigstens jemand sie ansprechen würde, so wie niels vergangenen sonntag. mit dem hatte sie beinahe eine stunde über seine arbeit als fotograf geredet. spannender typ, mit 33 halt eine ecke reifer als diese möchtegern heroen wie jules und ... nein! überhastet kippte sie das glas zu schnell und dabei die hälfte des inhalts über ihr shirt. also ein neues holen. mit schwammigen beinen begab sie sich zurück an die bar. eins noch trinken, dann hätte sie auch wieder festen boden unter ihren füssen.

episode 13

sybille stand vor dem spiegel, schnitt grimassen und kämmte missvergnügt ihr haar mit den fingern durch. blödes aschblond, scheiss strassenköterfarben. richtig blond oder vielleicht richtig schwarz mit locken, das wär was, aber so war sie nun mal nicht auf die welt gekommen. das hiess jetzt: bei der affenhitze zum haareschneiden. diesmal jedoch würde sie mitnichten ein missglücktes cut+go ergebnis als schrägen 80er schnitt durchgehen lassen, sie brauchte eh neue farbe, da kam bloss ein ordentlicher friseur in betracht. seit der unglückseligen geschichte mit sören war so oder so rundumerneuerung angesagt. zweiter anlauf, geschenkt, aber inzwischen waren ja auch mehr als bloss ein paar stunden ins land gezogen. während draussen der sommer ausbrach und sonne und flipflops regierten, hatte sie erstmal zwei bis drei staffeln dawsons creek am stück weggeguckt. weinen war jetzt definitiv durch. sybille legte den kopf schief, blies sich den mittlerweile überlangen pony aus dem gesicht und kramte einen gesichtsausdruck hervor, der ihr vor gar nicht so langer zeit mal kokett erschienen war. nichts. augen ohne blick, haut kaputt, hängender mund, krumme schultern. wie ein schmuckloses poesiealbum in das keiner hineinschreiben wollte. allenfalls einige lustlose einträge waren zu verzeichnen. jaja: „in allen vier ecken soll liebe drin stecken.“ von wegen! zornig streckte sie ihrem spiegelbild die zunge heraus. bäh! und noch mal: bäh. gott wie man sich selbst nicht mehr ausstehen kann! seit ihr keine tränen mehr aus den augen quollen, schlich sie tag für tag durch den immergleichen lichtlosen tunnel. wie wärs mit raiko anrufen? so tief konnte man sinken. der würde ihr wahrscheinlich was auf seiner gitarre vorspielen und ein gedicht dazu aufsagen. brrrrr! seine telefonnummer hatte sie gott sei dank dem wind überlassen, erinnerte sie sich mit einem anflug von bosheit. doch halt: überheblich wollte sie ja nicht länger sein. was für ein leben! laaangweilig! blieb nur, die haare blond aufsträhnen und durchstufen zu lassen. den pony würde sie aber relativ lang behalten. und wenn ich dann schon mal draussen bin kann ich auch gleich shoppen gehen, kam es ihr in den sinn. sie wollte schon die ganze zeit eine rockige schwarze röhrenjeans kaufen. am besten cheap mondays, die hatten stil! dazu weisse, maximal halb- bzw. viertelhohe boots, so stiefelettenartig. ungeeignet bei der hitze, aber ein anfang. danach dann könnte sie auch den spiegel mal wieder putzen und schauen, welche sybille sich hinter den staubschlieren verbarg.

episode 12

warum? die frage trieb sybille vom prenzlauer berg die danziger strasse runter nach hause. sie lief den ganzen weg zu fuss, hastete mehr, als dass sie ging. ein taxi zu winken, fehlte ihr die kraft und die strassenbahnhaltestellen waren umlagert von gruppen oder pärchen, die sich mit einem sonntagabend-schwips das wochenende vergoldeten. noch sah sie sörens rythmisch arbeitenden rücken, anettes keuchend geöffneten mund. diese entrückt leeren augen. hatte sie jetzt sören und anette erwischt oder war sie die ertappte? warum war mit einem mal alles falsch? was war jetzt noch richtig? dabei war sie doch mit leichtem flügelschlag und gänzlich unbeschwert in ihre berliner zeit aufgebrochen. auf dem boxi erstand sie ein klapprad, klemmte eine bunte plastikblume an den lenker und erkundete damit die stadt. frohgemut bummelte sie durch die kastanienallee, hatte dort in einer coolen kleinen boutique ein shirt mit der aufschrift: the aim of design is to define space entdeckt, dies als angehende modedesignerin selbsvertständlich sofort gekauft und zu semesterbeginn gleich angezogen. vielleicht fingen da die fehler bereits an. „du weisst, dass das ein band shirt ist? hast du dir die wenigstens mal angehört?“ lautete jules abschätziger kommentar. schönes shirt. falsch verstanden. falscher zeitpunkt. falsches hochgefühl. warum kam ihr jetzt malte in den sinn? drei jahre waren sie zusammen, aber als sie ihre berlin-pläne schmiedete, wollte er erst mal bankkaufmann lernen und dann was entsprechendes studieren. das roch nach doppelhaushälfte! sie machte kurzerhand schluss und verzichtete darauf, sich vor dem umzug bei ihm zu verabschieden. aus pietätsgründen lag noch eine schachtel mit beziehungsfotos unter ihrem kleiderschrank. in berlin zog sie dann mit jules und deren hofstaat umher. liess von dieser warte aus birgit und andrea hochnäsig abblitzen, obwohl die ihr beim nähen und beim schnitt aus der patsche halfen. nie ging sie ans telefon, wenn eine von den beiden anrief, setzte sich stattdessen in der uni lieber zu jules und ihren leuten. von denen rief nie jemand an. aufkommende scham liess eine gänsehaut heraufziehen: jules hatte sie nur aus verpflichtung immer mitgenommen. sie war gerade mal ein geduldetes ‚dabei’ gewesen. bremsen quietschten. ein fahrrad wäre beinahe in sie hineingerauscht. „mensch sybille, hab’ dich gar nicht gesehen!“ schon wieder raiko! „was los? willst du ein stück mit? ich fahr auch in `n hain.“ mechanisch nahm sie auf dem gepäckträger platz, schlang zum festhalten einen arm um ihn, lehnte den kopf an seinen rücken, liess sich transportieren. „ich geb’ dir noch mal meine nummer!“ riss er sie aus ihrer benommenheit. schon da? verwirrt kramte sie ihren schlüssel hervor. „ausserdem weisst du ja, wo ich arbeite, nur falls du sie aus versehen wegwirfst. mich findet man eigentlich immer!“ sprach’s, reichte ihr einen zettel mit seiner telefonnummer, klingelte kurz und beschleunigte rasch. aufkommender wind nahm ihr das papier aus der hand, trieb es in die höhe und mit sich fort. irgendetwas musste sie finden, irgendetwas wartete nicht.