weihnachten war älter geworden. nicht anders, nicht besser oder schlechter, bloss älter. gedankenverloren steuerte sybille ihre lupine zurück nach berlin. aus den augenwinkeln sah sie manchmal jules redenden mund. immerzu hampelte und plapperte die herum, kramte in ihrer tasche, um sybille irgendwelche gegenstände zur ansicht unter die nase zu halten.
ja, weihnachten war tatsächlich gealtert. als sybille am tag vor heiligabend eintraf, klagte dad über die beschwerlichkeiten des weihnachtsbaumkaufs. „diesmal nur einen kleinen, du bist ja so oder so nur ein paar tage hier und deiner mutter und mir reicht der vollkommen aus. geschmückt haben wir auch nicht so viel. warum sollen wir den baum so überladen und extra den ganzen christbaumschmuck aus dem hintersten winkel hervorsuchen? so ist es doch viel schöner.“ früher hatte er sybille mit dem schlitten durch die strassen gezogen und mit ihr so lange gesucht, bis sie den richtigen baum gefunden hatten. den banden sie dann auf dem schlitten fest und es blieb sogar noch zeit für eine gelegentliche schneeballschlacht. aber schnee gab es ja auch nicht mehr. „... und die ganze kocherei, dieses jahr nehm' ich rotkohl aus dem glas. den unterschied merkt ausser deiner grossmutter eh keiner, oder meinst du, dein onkel werner interessiert sich dafür? nur damit alles in fünf minuten herunter geschlungen wird!“ beklagten die beiden sich etwa über die last der vergangenen weihnachtsfeste?
mum und dad hatten sich augenscheinlich auf ein leben ohne sybille eingerichtet.
als sie das gepäck in ihr altes zimmer brachte, musste sybille erstmal wäscheständer und bügelbrett beiseite räumen. die löcher, die sie beim auszug hinterlassen hatte, waren geschlossen worden. im schrank hingen die halb ausrangierten kleider von mum und warteten auf ein abschliessendes urteil, im bücherregal standen die alten bestseller schinken, die schon im wohnzimmer in die obersten oder untersten regalreihen verbannt waren; hinter blumenvasen und allerlei nippes versteckte simmels, konsaliks und pilchers. die peinliche verwandtschaft, die man beim essen so platzierte, dass sie niemanden störte. sonst war alles wie immer. nur älter eben und langsamer.
am heiligabend frühstück, danach ein langer spaziergang mit mum und dad. mittags gab es würstchen mit kartoffelsalat, dann legte man sich zur mittagsruhe, dann begann das warten auf opa heinrich und oma lisbeth, die am späten nachmittag aus lübeck angereist kamen. das signal zu kaffee trinken und bescherung. opa heinrich betrieb wie immer kulturkritik. thema in diesem jahr: sinn und unsinn digitaler bilderrahmen. der digitale bilderrahmen nämlich entfremde von der entscheidung für ein bestimmtes bild, die möglichkeit wechselnder bildanzeige und der grosse vorrat auf einer speicherkarte erzeuge schlichtweg beliebigkeit etc. pp. und so weiter und so weiter. im gegenzug verwies sybille auf die renaissance des bastelbogens, die es in berlin in den kleinen design-läden gab. mit neuartigen, zeitgemässen motiven. oder das döner-quartett. dann wurde endlich abendbrot gegessen. sybille floh anschliessend in den postkeller, wo sich alle über weihnachten heimgekehrten trafen und warf sich in das gewoge gegenseitigen umarmens. dörte war aus london gekommen und kündigte den baldigen umzug nach berlin an. sascha hatte sich für drei jahre verpflichtet um endlich mal einen panzer zu fahren, „und studieren kann ich da auch [zum studieren müssen es 12 jahre sein]“ wie er kindisch herumbrüllte. mir nichts dir nichts war jules auf sie zugestürzt und knutschte sie ab, als hätten sie sich im letzten halben jahr täglich gesehen. dabei hatte sie anscheinend nicht einmal bemerkt, dass sie sybilles geburtstag vergessen hatte.
sybille warf einen blick auf den beifahrersitz. selbstverständlich hatte madame es dann doch nicht pünktlich zur abfahrt geschafft, sondern eine halbe stunde später telefonisch darum gebeten, abgeholt zu werden. seitdem redete sie in einem fort, wechselte alle naselang die musik und rauchte kette. jede fünfte war vermutlich ein mini joint. immerhin überdeckte der grasgeruch den gestank nach ausgelassenem gänsefett, der seit dem ersten weihnachtstag in sybilles kleidern hing. die obligatorische gans hatte zum himmel gestunken, als sie nach dem postkeller besäufnis aufwachte. seitdem befand sie sich in einem von brechreiz dominierten dämmerzustand. schweigend ertrug sie onkel werners angetrunkenes gelalle, opas professoralen tonfall und mums sorgenvolle fragen, so wie sie auch jules ausführliche sylvesterplanungen ertrug. wenn einem von einer geplanten party berichtet wird, überlegte sie, als die lichter berlins vor ihr auftauchten, war man dann automatisch eingeladen?
20.07.10
episode 20
peer schob sich durch die tür und ihre wohnung schrumpfte schlagartig auf die halbe grösse zusammen. auch ausserhalb seines ladens bewegte er sich mit der gleichen breitschultrigen präsenz, trug sein „work sucks – go surfing“ t-shirt und redete mindestens ebenso laut. im vorbeigehen schmetterte er ein überfröhliches „hast du mal gläser für den schampus, kleene?“ und begann, die flasche zu öffnen, ohne sie ihr überhaupt in die hand zu drücken. war das jetzt ein geburtstagsgeschenk oder selbstverköstigung? ihm war hier eindeutig zu wenig los, das konnte man beinahe körperlich spüren. wie er sich krachend in den einzigen noch freien sessel warf, ohne andrea, die auch gerade erst gekommen war, den platz anzubieten. zugegeben, die geburtstagsgesellschaft machte tatsächlich einen etwas spärlichen eindruck, aber so war es ja mehr oder weniger auch geplant. nachdem sie raiko versehentlich eingeladen hatte, musste sie ihren geburtstag, den sie doch eigentlich totschweigen wollte, in irgendeiner weise begehen, hatte schnell noch babs und miri und gestern abend leichtsinnigerweise auch noch peer und andrea bescheid gesagt. andrea, weil das ihre lieblingskollegin war, und da peer unversehens hinter ihr stand, nuschelte sie ein „komm du doch auch, würd mich freuen“ in seine richtung. jetzt hatte sie den salat. raiko zog schon genervt die augenbrauen hoch. eine frage der zeit bis die beiden sich anpampen würden.
sybille vertagte das problem, verschwand in der küche und zog das nächste blech aus dem ofen. kindheitserinnerungen krochen ihr in die nase. gebackene hühnerflügel und kartoffelecken hatte mum an ihren geburtstagen gemacht, als sybille noch klein war. bei den anderen kindern gab es immer pommes, das lehnten mum und dad aber aus grundsätzlichen erwägungen heraus ab. das war ihre alternative. konnte man auch mit den fingern und mit ketchup oder süss saurer sosse essen.
mitte dezember geburtstag zu haben, bedeutete ganz klar nichts als stress. einmal die woche einen termin zum feiern und bilanz ziehen, das hielt doch kein normaler mensch aus. vor allem war ja das gesamte vergangene jahr ein einziges bilanzieren gewesen.
den besuch der eltern wenigstens hatte sie aufs nächste jahr verschieben können. war ja auch eine schwachsinnsidee, sie zu besuchen, wenn sie drei, vier tage später eh nach neumünster fuhr. geschätzte schonfrist, was das anging: bis ungefähr märz, april. puh!
der korken knallte, der champagner schäumte über, ergoss sich über die sessellehne und peer grinste selbstzufrieden vor sich hin. schnell die geschenke vom tisch bevor er die flasche dort abstellte! babs und miri hatten ihr eine wundervolle tasche mit einem niedlichen kleinen eichhörnchen drauf geschenkt, nebst dazugehörigem geldbeutel. selbst entworfen und selbst produziert. deren umtriebigkeit müsste man haben. sybille liess einen heimlichen, neidvollen seufzer aufsteigen. warum hatte sie nicht die energie und den schneid, so etwas selber selbst zu machen? höchstwahrscheinlich war das der prototyp einer eigenen kollektion, die man bald in der „heimat“ oder einem ähnlichen laden kaufen konnte. sie stampfte innerlich mit den füssen vor wut. die beiden hatten sich richtig arbeit und mühe gemacht, aber sie sah nur die konkurrenz aufmaschieren.
„ick sach ma: uff bille, gell, und bleib schön wie de bist, kleene, weischt wie?“ peer hob sein glas und zwinkerte in die runde. „sag, aus welchem teil berlins bist du denn nach baden württemberg gezogen?“ sybille krampfte ihre finger um das glas. raiko klang wie mum, wenn sie, wie jedes jahr beim weihnachtsessen zu onkel werner sagte: „... und du willst sicher wie immer schon vor dem essen einen cognac, nehme ich an?“
sybille vertagte das problem, verschwand in der küche und zog das nächste blech aus dem ofen. kindheitserinnerungen krochen ihr in die nase. gebackene hühnerflügel und kartoffelecken hatte mum an ihren geburtstagen gemacht, als sybille noch klein war. bei den anderen kindern gab es immer pommes, das lehnten mum und dad aber aus grundsätzlichen erwägungen heraus ab. das war ihre alternative. konnte man auch mit den fingern und mit ketchup oder süss saurer sosse essen.
mitte dezember geburtstag zu haben, bedeutete ganz klar nichts als stress. einmal die woche einen termin zum feiern und bilanz ziehen, das hielt doch kein normaler mensch aus. vor allem war ja das gesamte vergangene jahr ein einziges bilanzieren gewesen.
den besuch der eltern wenigstens hatte sie aufs nächste jahr verschieben können. war ja auch eine schwachsinnsidee, sie zu besuchen, wenn sie drei, vier tage später eh nach neumünster fuhr. geschätzte schonfrist, was das anging: bis ungefähr märz, april. puh!
der korken knallte, der champagner schäumte über, ergoss sich über die sessellehne und peer grinste selbstzufrieden vor sich hin. schnell die geschenke vom tisch bevor er die flasche dort abstellte! babs und miri hatten ihr eine wundervolle tasche mit einem niedlichen kleinen eichhörnchen drauf geschenkt, nebst dazugehörigem geldbeutel. selbst entworfen und selbst produziert. deren umtriebigkeit müsste man haben. sybille liess einen heimlichen, neidvollen seufzer aufsteigen. warum hatte sie nicht die energie und den schneid, so etwas selber selbst zu machen? höchstwahrscheinlich war das der prototyp einer eigenen kollektion, die man bald in der „heimat“ oder einem ähnlichen laden kaufen konnte. sie stampfte innerlich mit den füssen vor wut. die beiden hatten sich richtig arbeit und mühe gemacht, aber sie sah nur die konkurrenz aufmaschieren.
„ick sach ma: uff bille, gell, und bleib schön wie de bist, kleene, weischt wie?“ peer hob sein glas und zwinkerte in die runde. „sag, aus welchem teil berlins bist du denn nach baden württemberg gezogen?“ sybille krampfte ihre finger um das glas. raiko klang wie mum, wenn sie, wie jedes jahr beim weihnachtsessen zu onkel werner sagte: „... und du willst sicher wie immer schon vor dem essen einen cognac, nehme ich an?“
episode 19
die warschauer brücke war möglicherweise der zugigste ort der welt. jedenfalls konnte sybille sich nicht entsinnen, jemals irgendwo so lange bewegungslos und mit vom wind rissig gebissenen lippen herumgestanden zu haben. gott sei dank hatte sie sich warm genug angezogen. dabei war das eine rein modische entscheidung. ihr schon im sommer gekauftes, gelb eingefärbtes palituch, passend dazu die weissen moonboots mit ebenfalls gelb abgesetzten nähten. ihre nasenspitze war mittlerweile kaum noch zu spüren. trotz alledem stellte sie zu ihrer überaschung fest, dass sie sich wohl fühlte. mit der dämmerung hatte sie das haus verlassen, um sich mit raiko auf der modersohnbrücke zu treffen. von dort aus waren sie den osthafen entlang gegangen, um jetzt von hier aus das gleiche panorama zu sehen. dieses komische neue stadion war auf einmal beängstigend gross und je länger sie darauf starrte, desto unwirklicher sah es aus. wie ein ufo. auf dem metrodach glänzte das flutlicht, so dass man den fernsehturm fast nicht mehr sehen konnte. schade eigentlich. was wohl passierte, wenn auf dieser brache noch weitere bauten entstehen würden? raiko dozierte schon seit geraumer zeit mit weit ausholenden gesten über die anstehenden bauvorhaben. ein seltsamer spaziergang war das. sie hatten sich kurz begrüsst und waren anfangs schweigend nebeneinander her gelaufen. irgendwann hatte raiko zu reden begonnen und seitdem auch nicht mehr aufgehört. angenehm, dass er keinerlei fragen stellte. ein kurzes „wie geht’s dir?“ und ihre gemurmelte „ja, gut“ antwort war eigentlich alles gewesen. eingehüllt in die dunkelheit stand sie auf der brücke, der wind riss raikos monolog in einzelne hauptwortfetzen auseinder, während auf der anderen brückenseite eine lärmende karawane von s- und u-bahnhof nach friedrichshain strömte. das ganze hatte etwas beruhigendes. sie konnte sich gar nicht erinnern, raiko überhaupt kennengelernt zu haben, er war ab einem unbestimmten zeitpunkt schlicht und einfach immer wieder aufgetaucht. fest stand, dass er ständig den kontakt suchte, ihr seine telefonnummer mehrmals geradezu aufgedrängt hatte, sich mit ihr tagsüber treffen wollte. unter feierleuten, die privat sonst nichts verband, schien ihr das ein tabu zu sein. man begegnete sich doch eh ständig. und wenn man sich tagsüber sah, dann auf einer afterhour oder einem chill out, eingeklemmt zwischen zwei nächten und garantiert nicht nüchtern. umso erstaunlicher, dass es ihr genau heute an diesem unwirtlichen ort so selbstverständlich erschien, neben ihm zu stehen, und einfach „die stadt zu gucken“, wie er es nannte. sie dachte immer er wolle sie anbaggern, aber war das wirklich der fall? vielleicht fand er sie einfach nur nett. jedenfalls hatte er nicht versucht sie anzufassen. nur die typische handschlag begrüssung. keine partyküsschen auf die wange, wie das ihre alte clique immer mit allen getan hatte. „sag raiko“, entfuhr es ihr mit einem mal, „wenn du an meinem geburtstag auch da wärst, das fände ich schön!“
episode 18
auf die blöde sonne konnte sie sowieso verzichten. herbstlaubromantik. na herzlichen dank auch. sybille lugte durch den vorhang und zog sogleich erschrocken den kopf wieder zurück. die vergangene nacht war entsetzlich gewesen! klatschnass war sie wie gerädert aus einem albtraumgetränkten halbschlaf erwacht und jetzt strahlte ihr der sonntagshimmel höhnisch ins gesicht. also öffnete sie bloss das fenster, liess die vorhänge dabei geschlossen, schnappte sich ihr i-book und schlüpfte wieder ins bett. aha! aha! sören und jules waren also online. sybille starrte angestrengt auf ihre top-freunde. eigentlich hätte sie die längst löschen sollen aber sie brachte es noch nicht einmal fertig, die beiden von der startseite zu verbannen. denn obwohl sören aus ihrem realen leben komplett verschwunden war, dachte sie ohne unterlass an ihn und so wie er auf diese weise weiterhin teil ihres alltägtlichen lebens blieb, nahm sie, ohne das er es wusste, anteil an seinem leben, indem sie sein myspace profil aufrief, die postings las oder sich durch sein fotoalbum klickte. sören beim freitagabend warm up in jules wohnung, sören auf der fusion, sören in der bar25. seltsam die vorstellung, dass er umgekehrt die gleiche möglichkeit hatte. vielleicht sah er ab und an auf ihrem profil vorbei und fragte sich, wie es ihr wohl gehen könnte. hatte er registriert, dass sie seit zwei monaten kaum noch im space unterwegs war? das bedeutete ja, dass sie auch seine seite nicht länger, wie anfangs, fast täglich besuchte. anhand der kommentare liess sich immer herausfinden, was die beiden an den wochenenden so trieben. jetzt waren sie grad mal zurück aus dem weekend und chatteten schon wieder miteinander. ein leises gefühl der eifersucht liess sybille unruhig herum rutschen, genauso nervös begann sie, zwischen den beiden profilen hin und her zu switchen, um ja nichts zu verpassen. wer war jessica? die kannte sie ja noch gar nicht, die musste neu sein! was war mit der während des sonnenaufgangs auf der weekend dachterrasse? nein, nein, nein! sybille schloss die augen, bemühte sich, die atmung zu kontrollieren, strampelte die bettdecke von den beinen und rannte ins bad, um erst mal den kopf unter wasser zu halten. danach nahm sie erschöpft auf dem klodeckel platz. aus den nassen haaren fielen dicken tropfen auf die fliesen. einsam war sie. gewusst hatte sie das die ganze zeit, hatte dagegen angekämpft. ihr herz wog so schwer, dass es sie immerfort zu boden drückte. jeden tag auf die strasse zu gehen und das forsche gesicht einer tapferen sybille aufsetzen zu müssen war eine entsetzliche last. aus den augen tropfte es jetzt auch. warum war sie nicht in der lage, raiko zu antworten? der war doch eben gerade auch online und hatte sie gefragt ... nein, gefragt hatte er eigentlich nicht. er hatte mehr so allgemein über die sonne geschrieben und den himmel. vom spazierengehen in klarer kalter luft. nein, gefragt hatte er nicht. das war nun wohl ihr part.
episode 17
die bettdecke war zu schwer für die beine. die lagen wie aufgequollene holzpflöcke auf der matratze. inständig bettelte sybille darum, in einen tiefen, traumlosen schlaf fallen zu dürfen, aber wenn sie sich ein kleines bisschen hinabsinken liess, prasselten unablässig bestellungen auf sie ein. kaum war ein tablett rausgetragen, standen zwei neue bereit, oder sie musste den korkenzieher suchen, und wenn sie verzweifelt aufgab, stand die flasche mit einem mal geöffnet genau vor ihr. keiner sah sie an, aber alle wollten etwas von ihr. einfach still liegen und sich auf das gleichmässige rauschen des regens konzentrieren. sybille wälzte sich hin und her, lagerte ihre beine um, knipste die lampe an und versuchte zu lesen bis ihr die augen zufielen, um dann mit erschlaffender hand das licht zu löschen, damit alles wieder von vorne begann. da war das unruhige pochen ihres herzens, ihr eigenes atemgeräusch und das blut sauste in den ohren, während ihre füsse in einem fort schrien: „wir sind müder als du! du darfst erst einschlafen wenn wir ausgeschlafen haben!“ was für eine tortur. das entsprach genau der schinderei der letzten wochen. zwar hatte sie durchgehalten und sich nicht endgültig einschüchtern lassen von all den gehässigkeiten ihrer kolleginnen oder peers launischem verhalten. inzwischen hatte sie begriffen: peer war ein morgenmuffel, abends war er viel umgänglicher, meistens sogar charmant. aber auch wenn sie diese klippe jetzt umschifft und die probezeit überstanden hatte, lag wieder ein gewaltiger berg vor ihr. bald würde das semester wieder beginnen und das hiess jules und sören unter die augen treten. dann rückte auch ihr geburtstag immer näher. ursprünglich hatte sie vorgehabt, den ganz gross zu begehen, denn ungefähr zu diesem zeitpunkt war sie auch nach berlin gezogen. im februar hatte sie schon pläne geschmiedet: „ein jahr sybille in berlin!“ das wäre mal ein partymotto gewesen! als einladung hätte sie einfach ihre meldebestätigung verschickt. nur, wen sollte sie jetzt einladen? ausser babs und miri waren nicht viele übriggeblieben. raiko etwa? peer? überdies hatten mum und dad ihren besuch für diesen zeitraum angekündigt. was sollte sie denen bloss sagen? ein jahr berlin und nicht einen halben millimeter tritt gefasst? sybille schlug ihre bettdecke zurück. die drückte nicht nur auf ihre müden beine, sondern schnürte ihr auch noch die luft ab. konnte man schlaflosigkeit eigentlich träumen? so wie sie zwar die schlechten träume der kindheit überwunden zu haben glaubte, jetzt aber das träumen von albträumen träumte. unterschieden sich erwachsene und kinder etwa auf diese weise voneinander? indem sie nicht mehr beim schwimmen den sog in die tiefe spürten, sondern der angst zusehen konnten?
episode 16
peer war total nett! munter pfiff sich sybille die ewige danziger strasse hinauf, ihrem neuen arbeitsplatz entgegen. bei gegenwind war das mit dem fahrrad eine einzige plackerei. trotzdem behielt sie tapfer ihre kleine melodie auf den lippen. auch wenn zu allem überfluss jetzt noch ein stinkender müllwagen direkt vor ihr fuhr. konnten die denn nicht schneller fahren? sybille drosselte das tempo in der hoffnung, er möge an der ampel noch die grünphase schaffen. aber nein, jetzt stand sie genau daneben. als kleines mädchen konnte sie die luft anhalten, bis der kopf beinahe platzte, diese fähigkeit hatte sich leider rausgewachsen. durch den mund atmen half in keiner weise, statt direktem brechreiz setzte sich ganz hinten im hals eine beharrlich kitzelnde aufforderung fest, ihr inneres endgültig und für alle zeiten nach aussen zu kehren. egal! peer jedenfalls war total nett! denn obwohl sie ihm genau fünf frühstücksteller vor die füsse geknallt hatte, war er einfach ganz cool geblieben. „mönsch bille! machst’n du für sachen?“ hatte er amüsiert gesagt, ihr dabei freundschaftlich den arm um die schulter gelegt, anschliessend geholfen, das malheur zu beseitigen, und von da an den rest der schicht immer ein auge auf sie gehabt. immer mal schnell helfend hand angelegt. immer mit einem aufmunternden augenzwinkern. da konnte sie ihm auch nicht mehr böse sein, als er ihr eröffnete, dass sie die ersten fünf probeschichten nur den halben stundenlohn bekam. die vier schichten würde sie schon auch noch überstehen und danach gabs ja schliesslich 5,70 die stunde. plus trinkgeld. nicht viel. aber wenig nun auch nicht gerade. selten hatte sie einen so frohgelaunten vormittag gehabt! normalerweise rang um diese uhrzeit ein fades grundgefühl gegen die vage vorstellung von entschlusskraft. solange bis sybille am ende erschöpft wieder einschlief, um sich nachmittags schliesslich eine graue mahlzeit von einem umliegenden imbiss zu holen. dann lieber hinter der müllabfuhr herfahren! an jeder verfluchten ampel holte sie den wagen wieder ein. aber peer, der war wirklich nett! zum feierabend durfte sie sich unter seiner anleitung sogar noch einen drink mixen, musste sie ja auch lernen, um irgendwann abends bestehen zu können. auf jeden fall hatte er ihr hoch und heilig versprochen, an ihrem nächsten tag wieder da zu sein. peer war eher so der typ älterer kumpel mit vateranteil. so wie man sich als teenie den vater immer wünscht: nicht unattraktiv, verständnisvoll, etwas verspielt, aber mit einer grundsätzlichen autorität ausgestattet. sein laden sah genauso aus: ein buntes potpourri aus sechziger- und siebziger-jahre-möbeln. überall gemütliche sesselchen und sofas, scheinbar nicht zueinanderpassend, aber geschmackvoll angeordnet. und er war wirklich da, registrierte sie erfreut, als sie ihr fahrrad vor dem laden zum halten brachte. peer sass mit seinen jungs im fenster und löffelte ein gekochtes ei. freudestrahlend öffnete sie die tür. „da bist du ja endlich“, sagte peer ohne sie gross anzusehen. „dann beweg mal deinen hübschen hintern und bring uns eine lage kaffee. schneller als beim letzten mal, wenn’s geht und hoffentlich kommen auch alle tassen bis an den tisch.“ hinter dem tresen stand bereits sandra, eine von den doofen ziegen vom letzten mal und sah mit ausdrucklosem blick an ihr vorbei.
episode 15
verflixt und zugenäht! wo hatte sie denn bloss eben die neuen bons abgelegt? verstohlen lupfte sybille kurz ihre füsse. hätte sie doch lieber die bequemen ballerinas angezogen! gott, jetzt eine pause und selber mal ne tasse kaffee oder ein wasser! seit zwei stunden rotierte sie hinter dem tresen und draussen war es grad mal halbvoll. „ein milchkaffee, ein latte, ein chai-latte, eine kleine apfelschorle und eine grosse! zwei getreidemilchkaffee, einmal mit soja! ist der espresso für die 24 schon fertig?“ kathi schmiss die bons auf die untertasse, schob sybille beiseite, griff dabei mit der einen hand nach den tassen, während sie mit der anderen schon den siebträger einrasten liess. zack zack waren zwei espresso fertig. sybilles pony hing klatschnass in den augen. „sybille! gehst du bitte mal beiseite! wir haben keine tassen mehr! wieso ist die spülmaschine noch nicht an? könntest du bitte die schmutzigen gläser dort drüben abstellen und nicht irgendwo? danke!“ sandra rauschte vorbei, ein übervolles tablett hinterlassend. wie soll ich denn bitte schön die spülmaschine ein und ausräumen, wenn ich angeblich immer im weg stehe? die beiden biester waren schon bei der begrüssung ausgesprochen ekelhaft gewesen. angestrengt starrte sybille auf ihre rechte hand: der kleine finger zitterte schon wieder wie verrückt. ein untrügliches zeichen dafür, dass sich hässliche rote hektikflecken vom hals her auszubreiten begannen. kein wunder, das hier erinnerte ja auch eher an eine gehässige schulhofschubserei als an irgendetwas anderes. der heissfeuchte nebel der ausdampfenden spülmaschine schlug ihr beim öffnen schmerzhaft ins gesicht. so also sah ihre strafe für das mit dieser albernen liebelei verbummelte semester aus. als mum und dad erfuhren das sie bei weitem nicht alle erforderlichen scheine vorweisen konnte, hatten sie ihr zwar nicht die monatlichen zahlungen zusammengestrichen, aber verlangt, dass sie in den semesterferien zu arbeiten und das geld zurückzulegen hatte. für grössere anschaffungen kommen wir in zukunft nicht mehr alleine auf! äffte sie dad’s strengen beamtentonfall im geiste nach. eigentlich wäre ein klamottenladen der coolere job für sie gewesen. einer in dem auch berliner designer verkauft werden zum beispiel. den ganzen montag war sie durch mitte und prenz’lberg gelaufen und klapperte alle aber auch wirklich alle boutiquen und zum schluss auch die schuhläden ab. als sie dann am abend auf einen aufmunterungs-prosecco hier einkehrte, hatte sie, eher aus versehen, beim bezahlen nach arbeit gefragt und wurde gleich am nächsten tag zur probeschicht eingeladen. von draussen hörte sie peer, ihren chef, mit irgendwelchen gästen leutselig herumflachsen. ausgerechnet in diesem chaos! die beiden schreckschrauben hatten sie mit abgeräumten geschirr geradezu zugeschmissen und waren ausgerechnet jetzt nirgends zu sehen. da sah sie schon wie sich peers braune surfer-mähne durch die tür schob. mit einem lauten knall zersprang gleich ein stapel frühstücksteller genau vor ihren füssen. sybille stand da wie festgewachsen und peer blickte ihr genau in die augen.
episode 14
mit hilfe einer halben flasche trockenen weissweins begab sich sybille in einen zustand fröhlicher gelassenheit. logo trank sie den nicht pur sondern als schorle. weissweinschorle zu trinken, war ausweis ihres korrigierten lebenswandels. schluss mit wodka und den harten sachen, lieber kalorienreduziert angetütert sonntags in der kaufbar rumhägen, als auf chillouts in der bar25 übergrosse pupillen hinter sonnenbrillen verstecken! ihre obercoole absturznummer sollten jules und sören mal hübsch alleine kultivieren. überhaupt, jules! diese verdammte hexe!!! einen wimpernschlag lang kochte sybille vor wut, bevor sie erneut auf ihre weinschorlewolke zurücksank. so richtig hatte sie die demütigungen des letzten halben jahres noch nicht verwunden und wurde daher ab und an von derartigen ausbrüchen durchgeschüttelt. immerhin vergrösserten sich die abstände zwischen ihren aufwallungen merklich. das hier jedenfalls schien der ideale ort für einen umfeldwechsel zu sein. könnte man durchaus auch mit den eltern vorbeischauen. alles etwas unorthodox, aber genau die richtige mischung für die ellis. es gab kaffee auch im kännchen und das konzept war obendrein noch originell. die kaufbar hiess nämlich kaufbar, weil hier abgesehen von getränken auch alles andere kaufbar war. einfach so die kaffeetasse vom nachbartisch kaufen. hihi. sybille kicherte albern in sich hinein. noch ein klitzekleines gläschen vor dem nachhauseweg könnte gewiss nicht schaden. gemächlich durchquerte sie ihr neues wohnzimmer, um nachschub zu ordern, und linste dabei mit einem auge auf die strasse. wurde zeit das mal ein bekanntes gesicht zum plauschen vorbeikam, mittlerweile hatte sie alle magazine zig mal durchgeblättert. ärger krauste ihre stirn. keine nachrichten auf dem telefon. babs und miri wollten sich heute wohl nicht blicken lassen. in sybilles ohren schwoll die angeregte plauderei der spanischen gruppe am nachbartisch zu einem bedrohlichen brausen an. „drei stunden alleine rumhocken, da machste dich ja zum vollaffen“, entfuhr es ihr halblaut. herrjeh! selbstgespräch! völlig neue symptomatik. wenn jetzt wenigstens jemand sie ansprechen würde, so wie niels vergangenen sonntag. mit dem hatte sie beinahe eine stunde über seine arbeit als fotograf geredet. spannender typ, mit 33 halt eine ecke reifer als diese möchtegern heroen wie jules und ... nein! überhastet kippte sie das glas zu schnell und dabei die hälfte des inhalts über ihr shirt. also ein neues holen. mit schwammigen beinen begab sie sich zurück an die bar. eins noch trinken, dann hätte sie auch wieder festen boden unter ihren füssen.
episode 13
sybille stand vor dem spiegel, schnitt grimassen und kämmte missvergnügt ihr haar mit den fingern durch. blödes aschblond, scheiss strassenköterfarben. richtig blond oder vielleicht richtig schwarz mit locken, das wär was, aber so war sie nun mal nicht auf die welt gekommen. das hiess jetzt: bei der affenhitze zum haareschneiden. diesmal jedoch würde sie mitnichten ein missglücktes cut+go ergebnis als schrägen 80er schnitt durchgehen lassen, sie brauchte eh neue farbe, da kam bloss ein ordentlicher friseur in betracht. seit der unglückseligen geschichte mit sören war so oder so rundumerneuerung angesagt. zweiter anlauf, geschenkt, aber inzwischen waren ja auch mehr als bloss ein paar stunden ins land gezogen. während draussen der sommer ausbrach und sonne und flipflops regierten, hatte sie erstmal zwei bis drei staffeln dawsons creek am stück weggeguckt. weinen war jetzt definitiv durch. sybille legte den kopf schief, blies sich den mittlerweile überlangen pony aus dem gesicht und kramte einen gesichtsausdruck hervor, der ihr vor gar nicht so langer zeit mal kokett erschienen war. nichts. augen ohne blick, haut kaputt, hängender mund, krumme schultern. wie ein schmuckloses poesiealbum in das keiner hineinschreiben wollte. allenfalls einige lustlose einträge waren zu verzeichnen. jaja: „in allen vier ecken soll liebe drin stecken.“ von wegen! zornig streckte sie ihrem spiegelbild die zunge heraus. bäh! und noch mal: bäh. gott wie man sich selbst nicht mehr ausstehen kann! seit ihr keine tränen mehr aus den augen quollen, schlich sie tag für tag durch den immergleichen lichtlosen tunnel. wie wärs mit raiko anrufen? so tief konnte man sinken. der würde ihr wahrscheinlich was auf seiner gitarre vorspielen und ein gedicht dazu aufsagen. brrrrr! seine telefonnummer hatte sie gott sei dank dem wind überlassen, erinnerte sie sich mit einem anflug von bosheit. doch halt: überheblich wollte sie ja nicht länger sein. was für ein leben! laaangweilig! blieb nur, die haare blond aufsträhnen und durchstufen zu lassen. den pony würde sie aber relativ lang behalten. und wenn ich dann schon mal draussen bin kann ich auch gleich shoppen gehen, kam es ihr in den sinn. sie wollte schon die ganze zeit eine rockige schwarze röhrenjeans kaufen. am besten cheap mondays, die hatten stil! dazu weisse, maximal halb- bzw. viertelhohe boots, so stiefelettenartig. ungeeignet bei der hitze, aber ein anfang. danach dann könnte sie auch den spiegel mal wieder putzen und schauen, welche sybille sich hinter den staubschlieren verbarg.
episode 12
warum? die frage trieb sybille vom prenzlauer berg die danziger strasse runter nach hause. sie lief den ganzen weg zu fuss, hastete mehr, als dass sie ging. ein taxi zu winken, fehlte ihr die kraft und die strassenbahnhaltestellen waren umlagert von gruppen oder pärchen, die sich mit einem sonntagabend-schwips das wochenende vergoldeten. noch sah sie sörens rythmisch arbeitenden rücken, anettes keuchend geöffneten mund. diese entrückt leeren augen. hatte sie jetzt sören und anette erwischt oder war sie die ertappte? warum war mit einem mal alles falsch? was war jetzt noch richtig? dabei war sie doch mit leichtem flügelschlag und gänzlich unbeschwert in ihre berliner zeit aufgebrochen. auf dem boxi erstand sie ein klapprad, klemmte eine bunte plastikblume an den lenker und erkundete damit die stadt. frohgemut bummelte sie durch die kastanienallee, hatte dort in einer coolen kleinen boutique ein shirt mit der aufschrift: the aim of design is to define space entdeckt, dies als angehende modedesignerin selbsvertständlich sofort gekauft und zu semesterbeginn gleich angezogen. vielleicht fingen da die fehler bereits an. „du weisst, dass das ein band shirt ist? hast du dir die wenigstens mal angehört?“ lautete jules abschätziger kommentar. schönes shirt. falsch verstanden. falscher zeitpunkt. falsches hochgefühl. warum kam ihr jetzt malte in den sinn? drei jahre waren sie zusammen, aber als sie ihre berlin-pläne schmiedete, wollte er erst mal bankkaufmann lernen und dann was entsprechendes studieren. das roch nach doppelhaushälfte! sie machte kurzerhand schluss und verzichtete darauf, sich vor dem umzug bei ihm zu verabschieden. aus pietätsgründen lag noch eine schachtel mit beziehungsfotos unter ihrem kleiderschrank. in berlin zog sie dann mit jules und deren hofstaat umher. liess von dieser warte aus birgit und andrea hochnäsig abblitzen, obwohl die ihr beim nähen und beim schnitt aus der patsche halfen. nie ging sie ans telefon, wenn eine von den beiden anrief, setzte sich stattdessen in der uni lieber zu jules und ihren leuten. von denen rief nie jemand an. aufkommende scham liess eine gänsehaut heraufziehen: jules hatte sie nur aus verpflichtung immer mitgenommen. sie war gerade mal ein geduldetes ‚dabei’ gewesen. bremsen quietschten. ein fahrrad wäre beinahe in sie hineingerauscht. „mensch sybille, hab’ dich gar nicht gesehen!“ schon wieder raiko! „was los? willst du ein stück mit? ich fahr auch in `n hain.“ mechanisch nahm sie auf dem gepäckträger platz, schlang zum festhalten einen arm um ihn, lehnte den kopf an seinen rücken, liess sich transportieren. „ich geb’ dir noch mal meine nummer!“ riss er sie aus ihrer benommenheit. schon da? verwirrt kramte sie ihren schlüssel hervor. „ausserdem weisst du ja, wo ich arbeite, nur falls du sie aus versehen wegwirfst. mich findet man eigentlich immer!“ sprach’s, reichte ihr einen zettel mit seiner telefonnummer, klingelte kurz und beschleunigte rasch. aufkommender wind nahm ihr das papier aus der hand, trieb es in die höhe und mit sich fort. irgendetwas musste sie finden, irgendetwas wartete nicht.
27.04.09
episode 11/ illustration: steffi schuetze

mit einbruch der dunkelheit hatte sybille die afterhour endlich gefunden. beiläufiges kommen und gehen wies ihr den weg in den richtigen hauseingang über den hof ins quergebäude des verwaisten hauses zu einer tür im dritten stock. schnell schlüpfte sie hinein und stolperte, vorübergehend nachtblind, ohne orientierung umher. erst als raiko sie entdeckte und in beschlag nahm, war sie soweit anwesend, das sie gesichter ausmachen konnte. soso, da hinten sass sören mit anette! raikos nachtleben kumpel jo drängte ihr ein gespräch auf:
„...weiss ja nicht wie lange du schon in der stadt bist! mein erster sommer, waren wir vielleicht runtergefeiert! immer tresor, pflichttermin! freitags startschuss bei sebastian und los in die technoferien...panorama bar, im ostgut damals, in der mühlenstrasse, und dann ging das durch bis montag, endlich ins SO-36, electric ballroom bis dienstag mittag...danach in der schönhauser chillen bei bine in der wg, voll verstrahlt vom balkon aus weintrauben und teebeutel in die cabrios an der ampel geworfen, so rund waren wir! weiss ja nicht wie lange du schon in der stadt bist...“
uff! ab und zu warf sybille den kopf in den nacken als müsste sie lachen, zwinkerte jo zu und tat darüber hinaus amüsiert und charmant, während sie lasziv an ihrem bier nippte. sie ignorierte sören geflissentlich, kontrollierte nur aus dem augenwinkel seine anwesenheit. als er sich in bewegung setzte, trat sie schnell beiseite ins halbdunkel, liess jo stehen und folgte sören behende und mit einigem abstand. im hof hörte sie schritte aus dem seitenflügel. vorsichtig schob sie die tür auf und tastete sich am geländer entlang aufwärts. über ihr schlug eine tür. hab ich dich! ganz oben waren zwei eingänge vernagelt, gab also nur eine möglichkeit. sie drückte die klinke hinunter
… und – o weh – man verzichtete gänzlich auf lästiges Vorgeplänkel und tat erst gar nicht so, als sei Romantik eine galante Begleitung mit guten Manieren, nein – nein!? – jetzt mach schon! – ja, kaum eine Klamotte wurde mehr als gerade mal weit genug verrückt – es wurde positioniert und lose an die Wand gestützt in Fahrt gebracht und in Fahrt gekommen aufgesprungen und unerbittlich abgehoben – man überging und verfing sich und klatschte und schmatzte eine vibrierende Hymne auf die profane Raserei, ja, man hatte sich und hatte alles und man hatte keine Augen für die immer noch in der Tür Verharrende – die da stand und nicht wusste – die da stand und nicht – die da stand – mit der Klinke in der Hand – verharrt – verscharrt – kann ein Herz bluten? – kann es verbrennen? – nein, mein Kind – aber es kann so tun, als ob! …
und sie, eben noch verfolgerin, stürzte treppab, fiel und fiel und riss sich ein loch in die hose, während oben sören mit ... jede marode stufe keuchte: anette, anette ... ausgerechnet anette! die hatte sich vorgeschlichen, seiner ankunft geharrt. und sybille fiel weiter, taumelte abwärts. statisten und randfiguren ertrinken immer zuerst.
episode 10
eine schier unendliche zeitspanne verharrte sybille ohne jede regung. erst als ein verspannungsschmerz über schultern und nacken in kopf und rücken strahlte erreichte sie einen zustand relativer wachheit. von weitem hörte sie die klingeltonmelodie ihre telefons wieder und wieder herumdudeln. hatten jules und sie damals gemeinsam für ihre handys ausgesucht. polyphon verstümmelte fragmente irgendeines gemeinsamen lieblingsliedes. sie wusste längst nicht mehr wie es hiess und was ihr daran gefiel und jules hatte das anrufsignal inzwischen zig mal gewechselt. wie sollte sie bloss einen schritt in den tag hinein machen, wohin den fuss setzen? alles drehte sich um sich selbst und umeinander. ihr war speiübel, wie auf dem kettenkarrussel in das onkel werner sie auf einem rummelplatzausflug unverlangt gesetzt hatte. „da steht: ab sechs jahren und das bist du ja nun“ hatte er gesagt. schon wurde sie im kreis herumgeschleudert, starr vor furcht, die ketten könnten reissen und sie würde ins schwerelose nichts hinausgeworfen werden. anfangen, irgendwomit musste sie anfangen. wenn sie anfangen wollte, musste sie eine liste machen. listen hatten ihr immer geholfen. allein das sortieren von vorhaben gab den befehl loszulegen. ausser 1. zur hölle mit sören und 2. neues leben anfangen, wollte ihr jedoch gerade kein zündender gedanke kommen. genau genommen hatte sie niemals ein eigenes leben gehabt. diese herumvagabundierende feierei der letzten wochen mit all den ungesunden zutaten, den kopf voll mit sören. schales vergnügen unterm strich. selbst ihre möbel waren nicht ihre, die hatten mum und dad ausgesucht. dieses blöde, avantgardistisch eckige teeservice, war das ihres? wurde mal zeit sich selbst in augenschein zu nehmen! vorsichtig trat sie vor den spiegel. grau sah sie aus, nur die augenringe verliehen ihrem gesicht konturen, sonst war alles schlaff. stumpf. und kneipenhaare hatte sie, voller rauch und schweiss. aber inzwischen lang genug, um sie hinten lässig zu einem pferdeschwanz zu binden. mit flinken fingern griff sie sich ein haargummi. sah gar nicht so übel aus. schlampig cool auf ne art. noch ein trägerunterhemd mit ausgewaschenem kleinmädchen muster, jeans und stiefel, yepp! sie begutachtete sich von allen seiten. das fühlte sich nicht mehr nach den ganzen tag mit verheulten augen coldplay hören an, das war queen bitch. jules hatte gestern was von einer spätnachmittag after-afterhour party gequatscht. sören würde stielaugen machen wenn sie da so aufliefe. gute gelegenheit sich irgendwie zu rächen! sonnenbrille aufsetzen und die treppe hinunter waren eins. einmal zuckte sie noch kurz zusammen als die tür hinter ihr ins schloss fiel. draussen war frühling, die ganze strasse voller flaneure, sie würde sichtbar werden. da war sie bereits mittendrin. „na, dann seht mich doch an“ hämmerten ihre schuhe auf das pflaster.
episode 9
sybille dehnte den entscheidenden moment so lange es eben ging und schloss träumerisch die augen. „sören, brüderschaft trinken“ hatte sie gerufen, flugs zwei wodka bestellt, ihre lippen berührten sich zum bruderkuss, sie spielte kurz mit seiner oberlippe. „lecker, schmeckt nach wodka, könnt ich noch einen von vertragen,“ kicherte sie nervös, um anschliessend noch zwei zu ordern. dabei beschlich sie das gefühl, jules schielte heimlich herüber, mit einem leicht überlegenen grinsen im gesicht. überhaupt schien es ihr, als sässe sie vollkommen ausgeleuchtet auf einer bühne und die wenigen leute im zuschauerraum raunten sich abfällige bemerkungen zu. hoffentlich sass sie gerade und hoffentlich merkte niemand, dass sie zu schwitzen begann. unruhig rutschte sie in ihrem sessel herum. erst mal was frühstücken und auf andere gedanken kommen. zur zeit gerann alles in diesem von grellen scheinwerfern angestrahlten standbild. dafür würde sie sicher keinen applaus bekommen. kein wunder, hatte sie doch zusätzlich auch noch ihren text vergessen. das telefon klingelte und sybille pries innerlich die rufnummernanzeige. mum oder dad hätte sie jetzt kaum ertragen, da machte sie sich lieber auf den weg in die küche auf der suche nach etwas essbaren. immer wieder brach das knäckebrot bei dem versuch sich ein paar happen zurecht zumachen auseinander und krümelte den ganzen küchentisch voll. verflucht noch eins, maulte sybille vor sich hin, die lätta ist doch eine streichfeine margarine. knacks! schon wieder! während sie die sprossen auf die bruchstücke streute, begann sich die bühne mit leben zu füllen. hast du nicht gesehen stand raiko neben ihr: der scharwenzelte bereits seit geraumer zeit um sie herum, seine aufdringliche art fand sie irgendwie total abtörnend. „hi sybille,“ begrüsste er sie aufgeregt, „schon den ganzen abend hier oder gerade erst gekommen? wir haben das beim letzten mal ja gar nicht zu ende besprochen mit dem kaffee trinken, du hast auch vergessen, mir deine nummer zu geben.“ wie peinlich. raiko war eigentlich ganz nett, aber wie konnte er denken, sie interessiere sich für ihn? bloss weil er einen buchladen besass, war er noch lange kein spannender typ. null aura, eher weniger als null sogar. gott sei dank drängelten seine jungs und er musste weiter. „gott sören, der kötert mir vielleicht hinterher. einmal freundlich und schon haste solche leute am hacken.“ – „ja, so kanns einem gehen. reich mir doch bitte das wasser da drüben, das hab ich nämlich schon vor ner halben stunde bestellt und würds auch gern trinken, aber du drückst mich hier immer weiter in die ecke,“ hatte er ruhig geantwortet, war aufgestanden, um sie herum gegangen und stellte sich, leicht abgewandt, zu jules. vernahm sie da etwa ein lachen aus dem parkett? bloss ohne stolpern runter von der bühne.
episode 8
du meine güte, tut das vielleicht gut!!! sybille schlürfte genussvoll den warmen tee in sich hinein, eine behagliche wärme breitete sich aus. um diese zu halten, zog sie die wolldecke zu sich rüber und wickelte sich gemütlich darin ein. nur ihre hände blieben weiterhin eiskalt. wird schon werden, weil muss ja, dachte sie und begab sich zurück in die szenerie der vergangenen nacht. diesmal hatte sie sich aber wirklich mal was getraut und war direkt in die zielgerade eingebogen. bereits vor wochen hatte sie begonnen, sören mit küsschen zu begrüssen. erst wange an wange und kuss in die luft, aber links und rechts, denn auf einem bein kann man nicht stehen. dann hatte sie das erste mal mit den lippen seine wange berührt, ganz selbstverständlich, dem zugzwang konnte er sich natürlich nicht entziehen. gestern hatte sie ihm endlich keck einen kuss auf den mund gegeben. mmh, fühlte sich supertoll an. blitzschnell war sie danach in jules küche verschwunden, um den wodka zu holen. der war auch nötig. nach zwei schnäpsen war ihre unbefangenheit wieder hergestellt. von da an hatte sie darauf geachtet, immer zwischen jules und sören zu sitzen und jules hatte ihr mit einem augenzwinkern signalisiert, das sie das vorhaben kapiert hatte. nur wie weiter? ihr war jetzt schon wieder ganz flau im magen. vielleicht ein lecker knäckebrot mit lätta und schön sprossen drauf? das hatte sie für ein schnelles frühstück eigentlich immer im haus. na ja, später vielleicht. ihre finger fühlten sich immer noch klamm an. war ja auch ein hartes programm gewesen. white trash natürlich, 103, irgendwas dazwischen, von da aus zum absturz in die panorama bar. im verlauf der nacht hatte sie ihre kreise immer enger gezogen. jules schwirrte die meiste zeit umher, tanzen oder flirten, und sybille hatte die gunst der stunde genutzt und war mit sören alleine was ziehen gegangen. nur lief das nicht so einfach ab mit der nähe, wo jules fehlte und sie nicht mehr an sören herandrückte. beim verlassen der toilette dann hatte sie es im türrahmen geschafft mit einer unwillkürlichen drosselung des tempos in seinen armen zu landen und dabei so zu gucken als wäre nichts. o.k., eigentlich war er bloss in sie hineingelaufen, trotzdem ging es ihr durch und durch. puh, mittlerweile wurde ihr richtig warm. sie lockerte die decke und kühlte mit ihren frierenden händen die glühende stirn. was für ein elend. kein vergleich zu dem hochgefühl, als sie eng neben sören sass und ihn, beflügelt von zahlreichen wodka-cranberry zum brüderschaft trinken aufforderte. jules war etwas ins abseits geraten und beschäftigte sich mit einem potentiellen aufriss, während sie den bruderschaftskuss eine spur länger ausfallen liess und dabei mit ihren lippen ganz leicht seine oberlippe umschloss.
episode 7
ach du liebes bisschen! sybille begrüßte den tag mit einem lauten stöhnen und kroch in die küche, um sich mit einer tasse rooibos-vanille-tee so etwas ähnliches wie einen guten start zu verschaffen. jedes mal, wenn sie den fetten kater von der einen schulter stieß, saß er bereits wieder auf der anderen, oder hatte sie sich gleich zwei davon eingefangen? sie schnäuzte sich heftig. warum hatte sie sich bloß auf diese dummheit eingelassen? den tag konnte sie wieder mal komplett in die tonne kloppen. das ganze wochenende war sie mit jules und sören umhergezogen und hatte unbotmässig viel alkohol getrunken. schwächelte einer von ihnen, verschwanden sie zu dritt auf dem klo, um unverzüglich putzmunter wieder weiterzumachen. eigentlich ging das seit sylvester so. jules nannte das: „die wochenendrutsche“. ganz schön lange riesenrutsche war das. fahrt aufgenommen hatte sie zwischen den jahren, als sie mit mums altem vw lupo back to berlin sauste. der mehrwertsteuererhöhung sei dank hatte paps zum jahresende alle rabatte studiert und rechtzeitig mums traumwagen, einen vw beetle, bestellt. sybille bekam ihre lupine wie sie den wagen gleich liebevoll getauft hatte. seitdem ging’s in dem tempo durch die woche. freitags nach der uni schnurrte sie geschwind nach hause, schnell was essen, stündchen nickerchen machen, eine weitere stunde outfit für den abend zusammenstellen, dann rüber zu jules, vorglühen bis sören irgenwann auftauchte und nix wie los ins rio. der freitag war nicht immer so exzessiv, aber der samstag ging dafür gleich bis sonntag mittag, die ganze nacht entweder im taxi, an der bar oder auf der toilette. beim konsumieren in den engen kabinen stand sie so nah bei sören, dass jedes mal ein prickeln auf ihrer haut einsetzte. dieses wohlige gefühl hatte sich in weite ferne verabschiedet, dafür hatte sie jetzt eine triefnase. ob das wohl gestern auch schon so unattraktiv aussah? sie hatte das gefühl, die ganze zeit hinge ein feuchter tropfen am rechten nasenloch. war das jetzt ein erfolgreicher abend in ihrem sinne? mühsam versuchte sie bilanz zu ziehen, aber das pendel schlug in keine richtung aus. eloquenz und selbstsicherheit, zutaten des gestrigen abends, waren möglicherweise opfer der katerhorde geworden. ein weiterer vertreter hatte sich bereits auf ihrem kopf niedergelassen und schlug ihr seine krallen bei jeder bewegung tiefer ins hirn. wenigstens der tee war geschwind zubereitet. wasser in die tasse, ab in die mikrowelle, beutel rein und im nu verbreitete sich der heimelige, von einer schweren süsse erfüllte duft ihres lieblingstees. immer wenn das vanillearoma alles beharrlich überdeckte, bekam sie ihr perönliches zu hause gefühl. sie kuschelte sich in ihren lieblingssessel und begann die vergangene nacht zu rekapitulieren. jules hatte sie geschickt in der mitte platziert. links saß ihre hilfreiche freundin, rechts er und sie wie eine königin in der mitte. ihr barhocker war dabei auf unsichtbaren schienen näher an seinen gefahren worden. komisch, hatte sie ein paar mal gedacht, in dem maße in dem wir uns besser verstehen, entfernt sich jules immer mehr von mir.
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